,,Der Pole" Sieht Polen. Hans-Ulrich Treichel in Lublin

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I. ,,DER POLE"

,,Und so habe ich [...] mich mehr als ein Pole denn als ein Deutscher oder gar Westfale gefuhlt" (1)--mit diesen Worten fasst Hans-Ulrich Treichel in seiner--dem Klappentext zufolge als autobiographisch zu rezipierenden--preisgekronten ,,Berichte"-Sammlung ,,Von Leib und Seele" Erfahrungen aus einer Kindheit zusammen, die keine allzu gluckliche gewesen zu sein scheint. Dass das erinnerte Ich sich in seiner kindlichen Selbstwahrnehmung als ,,Pole" erlebte, ja seine ungluckliche Situation mit dieser Selbsteinordnung auf eine pointiert zugespitzte Weise zu benennen versuchte, hat wenig mit dem Land Polen und noch weniger mit den Polen selbst zu tun, sondern primar mit einer--historisch begrundeten--spezifischen Verwendungsweise des Wortes ,,Polen" in seinem Herkunftsmilieu. Denn die Familie des autobiographisch berichtenden Ich-Erzahlers stammt ursprunglich aus Preussisch-Holland im heute polnischen Teil Ostpreussens und gehort mithin zur grossen Zahl der aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten stammenden ,,Vertriebenen": ,,Die Zahl der Fluchtlinge und Heimatvertriebenen war bis etwa 1958 auf ein Funftel der westdeutschen Wohnbevolkerung angewachsen: rund zehn Millionen gegenuber vierzig Millionen Einheimischen." (2)

Diese ,,Fluchtlinge und Heimatvertriebenen" befanden sich in der fruhen Bundesrepublik Deutschland in einer schwierigen Situation: Als ,,Fremde in der Heimat" (3) v.a. in den ersten Nachkriegsjahren misstrauisch von den alteingesessenen Westdeutschen beaugt und nur mangelhaft in die Gesellschaft der Wirtschaftswunderjahre integriert (4), zogen sie sich oft in ihr eigenes Ghetto (das nicht selten das der Vertriebenenverbande war (5)) zuruck, um dort dem--mit wesentlich weniger Kriegsschuldlasten davongekommenen (6)--,,guten" Rest der alteingesessenen Westdeutschen den Gefallen zu tun, durch ihr unrealistisches Beharren auf Wiedererlangung der historisch verwirkten deutschen Ostgebiete die Rolle jener ,,bosen" Deutschen zu ubernehmen, die die damals noch junge ,,alte Bundesrepublik" als vorzeigbare Sundenbocke so dringend notig hatte (7), vereinfachte dies doch die (Selbst-)Exkulpation der selbst nicht oder nicht in gleichem Masse betroffenen altwestdeutschen Mehrheit erheblich. Diese soziale und kulturelle Abschottung der ,,Vertriebenen" trug neben personlicher Verbitterung uber die von ihnen erlittenen Verluste wesentlich dazu bei, dass in diesem (auf unsichtbare Weise ausgegrenzten) Teil der bundesrepublikanischen Gesellschaft nationalistische Denkmuster langer uberleben konnten als im rasch westlaufig ,,modern" gewordenen Teil der Alteingesessenen. (8)

Gerade bei denjenigen Deutschen also, die doch eigentlich aus den seit Jahrhunderten multikulturell gepragten Gebieten Ostmitteleuropas stammten, bestanden so haufig gegenuber den in der vermissten Heimat ,,zuruckgebliebenen" (9) einstigen Nachbarn ausgerechnet diejenigen Ressentiments weiter, die dort von der (ursprunglich wilhelminischen) behordlichen Germanisierungspolitik (10) unter Zuhilfenahme des bereits alteren Stereotyps von der ,,Polnischen Wirtschaft" (11) massiv verbreitet worden waren und schlussendlich die nationalsozialistische Siedlungs-, Eroberungs- und Ausrottungspolitik mit vorbereiten geholfen hatten. (12) Diese den Deutschen dort uber ca. sechs Jahrzehnte hinweg anerzogene Geringschatzung ihrer nichtdeutschen Landsleute, die dazu beigetragen hatte, die deutschen Verbrechen im Osten uberhaupt erst zu ermoglichen, pragte auch noch nach 1945 das Denken vieler ,,Vertriebener" (13), sie unterschied sich strukturell jedoch auch kaum von der diskriminierenden Einstellung vieler alteingesessener Westdeutscher den zu ihnen Geflohenen und Vertriebenen gegenuber: ,,Zeichen des Wohlstands standen meinen Eltern nicht zu. Denn wer aus dem Osten kam, der war in den Augen der Alteingesessenen ein minderwertiger und von seinem Grund und Boden wahrscheinlich vollig zu Recht vertriebener Mensch". (14) Das diskriminierende Prinzip im Stereotyp der ,,Polnischen Wirtschaft" verwandelte sich in ein nicht minder diskriminierendes im neuen Stereotyp vom ,,Ostfluchtling" und wurde vermischt mit postnationalsozialistischer Moralpolitik: Diejenigen, die die Folgen des von Deutschland verschuldeten Krieges am meisten getroffen hatten, wurden von den weniger betroffenen Bewohnern Westdeutschlands aufgrund ihres hoheren Betroffenheitsgrades nicht in einem Akt solidarischer Teilung der Kriegsschuldlasten integriert, sondern in ihre grosseren Verluste mit der Begrundung ausgesperrt, diese ,,wahrscheinlich vollig zu Recht" erlitten zu haben. …