Zur Belorussischen Ubersetzung Von Gerhart Hauptmanns Marchendrama Die Versunkene Glocke. (Notes)

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Ein ungewohnlicher Fall innerhalb der auf Gerhart Hauptmanns Werk basierenden Ubersetzungsliteratur ist die belorussische Ubertragung der Versunkenen Glocke. Sie wurde im Jahre 1942 im besetzten sowjetischen Gebiet, in Minsk, angefertigt und erlebte dort im Januar 1943 ihre Urauffuhrung. Der Name der Ubersetzerin erscheint in deutschen Quellen als Natalie Arsenjew-Kuschell. Eine Drucklegung der weissrussischen Version erfolgte nicht, war auch wohl angesichts der Kriegsumstande kaum moglich. In den Ubersichten der auf Hauptmanns Werk fussenden Ubersetzungen ist die belorussische Ubertragung verschiedentlich als Beispiel dafur angefuhrt worden, dass es auch Ubersetzungen gibt, die bibliographisch nicht erfasst worden sind. Das ist ubrigens auch bei einigen georgischen und armenischen Ubersetzungen der Fall.

Erst vor kurzem hat sich ergeben, dass die Autorin--es handelt sich um die Lyrikerin Natallja Arsenneva--das Kriegsgeschehen uberlebt hat und dass sie auf Umwegen in den fruhen funfziger Jahren nach Nordamerika gekommen ist. Frau Arsenneva--sie war 1940 von den Sowjets nach Kasachstan deportiert worden--wurde im Fruhjahr 1941 auf Betreiben weissrussischer Schriftsteller freigelassen und war dann bis 1944 in Minsk als Schriftstellerin tatig. Mit dem Herannahen der Sowjets fluchtete sie nach Westen. Auch in Nordamerika war sie literarisch tatig, und unter den belorussischen Exilschriftstellern nahm sie eine eminente Stellung ein. Im Jahre 1954 veroffentlichte sie in New York den 2. und 3. Akt ihrer Ubersetzung der Versunkenen Glocke, und zwar in der belorussischen Zeitschrift Konadni. (1) Im Jahre 1958 erfolgte die Publikation des 4. und 5. Aktes, ebenfalls in Konadni. Auch stellte es sich heraus, dass der 1. Akt des Marchenspiels bereits im Jahre 1948 in der Zeitschrift Sakavik erschienen war, in Ostergofen, also wohl Osterhofen (moglicherweise in Niederbayern). Somit liegt die belorussische Ubersetzung der Versunkenen Glocke im Druck vor. Der belorussische Titel ist Zatonuty zvon.

Die Ubersetzung der mir erreichbaren Teile (2. bis 5. Akt) stimmt weitgehend mit dem deutschen Original uberein; nur selten erlaubt sich die Verfasserin eine grossere Freiheit, so beispielsweise im 2. Akt, in dem der Pfarrer auch die Worte und die Rolle des Schulmeisters ubernimmt. In den betreffenden Passagen kommt es dabei fast zu einem Widerspruch. (2) Im Original verlasst der Pfarrer nach der Bergung des Glockengiessers das Haus des letzteren und sagt zu Frau Magda, sie wisse, wo sie ihn finden konne, und der Schulmeister erklart kurz darauf, er konne dableiben. In der Ubersetzung macht und sagt der Pfarrer genau dasselbe, fugt aber hinzu, dass er dableiben konne. Ansonsten sind es nur geringfugige Abweichungen, die auffallen. So heisst es im Original am Ende des 3. Aktes mit Bezug auf die Glocke: ,,Sie klingt Euch wieder, Meister! Denkt an mich!", (3) in der Ubersetzung dagegen lesen wir: ,,Sie wird Euch klingen noch, Meister, die andere Glocke". (4) An einer anderen Stelle, an der wir im Original den volksliedhaften Vers ,,Er macht ihr Schappel, Ring und Spangelein / und kost ihr Schultern, Brust und Wangelein" horen, (5) finden wir in der Ubersetzung die mehr prosaische Feststellung, dass Heinrich fur Rautendelein Ringe, Spangen und Ohrringe schmiedet, ihre weissen Schultern kusst und sich an ihre Bruste schmiegt. (6) Im 5. Akt droht Heinrich seinen Verfolgern und sagt, er wurde jeden, der es wage, zu ihm heraufzukommen, in die Tiefe stossen, egal ob es der Pfarrer, Barbier, Schulmeister, Kuster oder Kramer sei. (7) In der Ubersetzung ist es ahnlich, doch heisst es hier: egal ob es der ,,Pfarrer, Barbier, Kramer, Schulmeister oder der Teufel selbst" sei. (8) Die Hinzufugung des Teufels ist etwas problematisch, denn die, die ihn bedrohen, sind biedere Christenleute. (Wobei nicht auszuschliessen ist, dass sich in ihnen ein Teufel verbirgt). Am Ende des Stuckes, in der Sterbeszene, wird eine etwas pathetisch anmutende Regieanweisung ausgelassen, auch bittet Heinrich Rautendelein hier um Vergebung. …