Zur Historischen Entwicklung Des Renarrativs Im Bulgarischen

By Reimann, Michael | Germano-Slavica, Annual 2003 | Go to article overview

Zur Historischen Entwicklung Des Renarrativs Im Bulgarischen


Reimann, Michael, Germano-Slavica


1. Einen der interessantesten Charakterzuge der bulgarischen Gegenwartssprache stellt der sogenannte Renarrativ dar, der auch als Wiedererzahlmodus oder indirekte Erlebnisformen bezeichnet wird und nach wie vor das Interesse der Forschung findet. Hierbei ist jedoch im wesentlichen nicht (mehr) so interessant, wie der Renarrativ in der bulgarischen Literatursprache oder auch der Umgangssprache Verwendung findet, diese Dinge sind weitestgehend durchleuchtet und bekannt gemacht worden. Vielmehr Bedeutung und Interesse hat die historische Dimension des Problems Renarrativ, denn bis heute ist die Genesis dieses Modus von der Wissenschaft noch nicht eindeutig geklart, weil es weder fur die eine noch die andere Hypothese der Entstehung des Renarrativs eindeutige Beweise gibt. Zu unterschiedlich sind die Positionen der Gelehrten, wobei sicherlich auch politische und historische Empfindlichkeiten eine Rolle spielen.

Vereinfacht dargestellt handelt es sich bei dieser Verbalkategorie um ein Flexionsparadigma, das nicht dem Indikativ angehort und immer dann Verwendung findet, wenn der Sprecher Handlungen und Geschehnisse beschreibt, denen er nicht selbst beiwohnte und somit nicht unmittelbarer Zeuge dieser Handlungen war, sondern sie nur aufgrund des Informationsaustausches mit anderen ausdruckt. Man kann diese Bedeutung mit der der indirekten Rede vergleichen, muss aber dabei berucksichtigen, dass die Renarrativformen allein (ohne dass ein sog. redeeinleitendes Verb notwendig ware) diese Bedeutung zum Ausdruck bringen. Der Gebrauch dieser Formen ist, wenn die geschilderte Situation vorliegt, obligatorisch, wenn kein redeeinleitendes Verb vorhanden ist, sie sind ublich auch bei Vorhandensein redeeinleitender Verben. Formen des Renarrativs gibt es fur alle Tempora (mit ihren temporalen Hauptbedeutungen), die uns aus den Indikativparadigmen bekannt sind. Es geht hier um den Ausdruck des nicht personlich, nicht direkt Erlebten mittels speziell dafur geeigneter Verbformen. Das indirekt Erlebte kann somit in allen Sprachen ausgedruckt werden. Unterschiedlich sind nur die Mittel, die die einzelnen Sprachen dazu verwenden. Manche verfugen uber spezielle synthetische Formen (Bulgarisch, Turkisch, Litauisch), andere mussen zu syntaktischen oder lexikalischen Konstruktionen greifen, um eine Begebenheit als mittelbar erlebt darzustellen. Jakobson stellt die Formen dieser Kategorie in den breiteren Rahmen der indirekten Rede (reported speech) und defmiert sie begrifflich nach Volosinov als "speech within a speech, a message within a message and at the same time also a speech about a speech, a message about a message" (R. Jakobson, Shifters, 1971 S.13a). Dies ist das grosse Charakteristikum, das das Bulgarische wesentlich von allen anderen Slawinen unterscheidet. Auch der sich durch dieses Phanomen ergebende verbale Formenreichtum zeigt die kontrare Entwicklung im Vergleich zu den ubrigen slawischen Sprachen umso mehr, da es ja im Bulgarischen bis in die Gegenwart vier Prateritaltempora gibt, die in Addition zu den Formen des Renarrativs die Problematik noch verkomplizieren. Bis hierher gehen die Meinungen bezuglich der Bedeutung des Renarrativs auch nicht auseinander. Ganz anders sieht es hingegen aus, wenn es um die Frage(n) geht, wann und auf welchem Wege der Renarrativ ins Bulgarische Einzug gehalten hat, denn die Beantwortung dieser Frage(n) scheint doch einen gewissen Komplexitatsgrad zu enthalten bzw. nicht so eindeutig zu sein, wie das von bestimmten Fachvertretern immer wieder behauptet wird.

Es handelt sich dabei um im wesentlichen zwei Positionen, von denen die eine popularer ist und eine weitaus grossere Anhangerschaft unter den Gelehrten findet als die zweite, die bisher nicht so angenommen wurde und auch nur einen geringen Verbreitungsgrad besitzt aber trotzdem auch eine gewisse Logik und Nachvollziehbarkeit aufweist, als das von vornherein glauben macht. Im wesentlichen geht es dabei um die Frage, ob der Renarrativ ein allochthones oder autochthones Phanomen darstellt, was nach dem gegenwartigen Stand der wissenschaftlichen Forschung noch nicht bewiesen werden kann und auch nicht die Aufgabe dieses Beitrags sein soll. …

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(Einhorn, 1992, p. 25)

(Einhorn 25)

1

1. Lois J. Einhorn, Abraham Lincoln, the Orator: Penetrating the Lincoln Legend (Westport, CT: Greenwood Press, 1992), 25, http://www.questia.com/read/27419298.

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"Portraying himself as an honest, ordinary person helped Lincoln identify with his audiences." (Einhorn, 1992, p. 25).

"Portraying himself as an honest, ordinary person helped Lincoln identify with his audiences." (Einhorn 25)

"Portraying himself as an honest, ordinary person helped Lincoln identify with his audiences."1

1. Lois J. Einhorn, Abraham Lincoln, the Orator: Penetrating the Lincoln Legend (Westport, CT: Greenwood Press, 1992), 25, http://www.questia.com/read/27419298.

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