Die Verwendung Fremdsprachiger Ausdrucke in Texten der Ostdeutschen Gegenwartsliteratur

Article excerpt

Diese Studie hat zum Ziel, die Funktionen der Verwendung fremdsprachiger Ausdrucke in einigen Texten der ostdeutschen Gegenwartsliteratur zu untersuchen. Es geht dabei konkret um Texte, die von ehemaligen DDR Schriftstellern in den Jahren nach dem Fall der Mauer 1989 geschrieben wurden. In Reiseberichten und Erzahlungen yon Angela Krauss, Alexander Osang, Michael Schindhelm, Grit Poppe, Barbara Honigmann und Gunter Gorlich sollen Grenzuberschreitungen der Protagonisten untersucht werden, die vom Wechsel in die russische, englische, franzosische, arabische und hebraische Sprache begleitet werden. Um das Ergebnis vorwegzunehmen, die Funktionen sind in allen Fallen sozialpolitisch. Dies zeichnet diese Texte auf den ersten Blick als Texte ostdeutscher Autoren, die viele Jahre in der DDR gelebt haben, aus. Wenn die westdeutsche Autorin Karen Duve in ihrem Regenroman etwa die Vokabel "Victory" benutzt, so gebraucht sie dieses Wort als postmodernes Ornament: "Die weisse Schnecke baumte sich auf wie ein Zirkustier, reckte den Vorderkorper in die Luft und spreizte die Fuhler zu einem V. V wie Victory" (123). (1) In Grit Poppes 1998 erschienenem Roman Andere Umstande dagegen hat die gleiche englische Vokabel eine politische Funktion. Die ostdeutsche Ich-Erzahlerin erinnert sich an die Ereignisse, die 1989 zum Fall der Mauer fuhrten: "Sie hielt ein Pappschild mit dem Wort Freiheit in die Hohe, darunter das gezeichnete Victory-Zeichen" (138).

Obwohl jedoch die Funktionen in den im folgenden untersuchten Texten ostdeutscher Autoren sozialpolitischer Natur sind, zielen sie, wie gezeigt werden soll, in ganz verschiedene Richtungen.

Cecile Cazort Zorach bemerkte 1984 in der Reiseliteratur von DDR-Autoren einen didaktischen lmpuls, der diese Texte yon denen westlicher Autoren unterschied:

   In the hands of unskilled writers this didactic tendency appears in
   its crassest form as tedious denunciations of the fascist past,
   bathetic declarations of solidarity with the comrades in other
   socialist lands, or as predictable jibes at the vulgarity of
   tourists from capitalist countries. Even in works standing above
   this level of name-calling, the sometimes mechanist imposition of
   the society's own ideological categories onto the interpretation of
   other societies may appear to a nonGDR reader as an artificial
   schematization of complex empirical realities (139).

Dieser didaktische lmpuls, von dem Cazort Zorach spricht und der auch noch nach 1989 Reisetexte ostdeutscher Autoren pragt, fehlt in Angela Krauss' Erzahlung Die Uberfliegerin (1995), in der die Ich-Erzahlerin--mit Aufenthalten in Amerika und Russland--einmal rund um die Welt fliegt: "von Osten nach Westen, nach Westen, solange nach Westen, bis der Westen plotzlich wieder Osten war" (96). Das wichtigste Erlebnis wahrend dieser Reise finder in ihr selbst statt, wenn sie namlich beobachtet, wie sich alles ideologisch Verhartete Schritt fur Schritt auflost, bis alles "schlingert" und "schwappt" (88) und sie begreift, "dass die Suche nach einem GeneralBauplan nichts welter als ein riesiges Missverstandnis ist" (Hametner 7). In dieser Situation vermag sie es nicht, die Lander, die sie bereist, durch die Brille der ihr anerzogenen ideologischen Kategorien zu sehen. Sie sammelt, wie sie selbst sagt, nur Eindrucke, ohne sich zu fragen, "was das alles bedeutete. Daruber war ich hinaus" (112). In der Beschreibung ihrer Reise durch die USA, bei der sie Einladungen verschiedener Universitaten folgt, zeigt die Auswahl der eingesprengten englischen Redeteile den Grad ihrer Begeisterung an. "Just fun!" ruft ihre Nachbarin im Flugzeug, und Krauss' Ich-Erzahlerin denkt: "Da horte ich es zum ersten Mal, das Unwiderstehliche an den Amerikanern: die Freudenrufe, die sie im Moment des Staunens ausstossen. Als entdeckten sie Land" (58). In Krauss' 1999 erschienener New York-Erzahlung Milliarden neuer Sterne, in der sie auf einundfunfzig Seiten vierzehn mal englische Ausdrucke benutzt, zeigt sich die Faszination von Amerika noch um einige Grade gesteigert und gipfelt in Euphorie, wenn die Ich-Erzahlerin das Ergebnis ihres Aufenthaltes in Amerika mit den Worten zusammenfasst:

   Ich bin frei yon etwas, das ich mein bisheriges Leben lang fur
   meinen Charakter hielt. … 

Oops!

An unknown error has occurred. Please click the button below to reload the page. If the problem persists, please try again in a little while.