Religion and History. A New Picture of the Prehistory of Israel and the Christian faith/Glaube Und Geschichte das Neue Bild der Vorgeschichte Israels Und der Christliche Glaube

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1. Das Problem des Verhaltnisses zwischen Glaube und Geschichte im Alten Testament

In seinen methodischen Voruberlegungen uber den Gegenstand einer Theologie des Alten Testaments hat Gerhard von Rad 1958 festgestellt, dass die Eigenart der religiosen Aussagen Israels darin besteht, dass sie sich auffalliger Weise darauf beschranken, "dass Verhaltnis Jahwes zu Israel und der Welt eigentlich nur in einer Hinsicht darzustellen, namlich als ein fortgesetztes gottliches Wirken in der Geschichte. Damit ist gesagt, dass der Glaube Israels grundsatzlich geschichtstheologisch fundiert ist." (2) Oder wie er es einige Jahre spater ausgedruckt hat, dass "der Glaube Israels ... immer auf ein Geschehen, einen gottlichen Selbsterweis in der Geschichte" bezogen gewesen ist. (3) Dieser Feststellung muss jeder Leser des Alten Testaments zustimmen, weil sie nicht nur fur die Geschichts- und die Prophetenbucher, sondern auch fur die Psalmen und teilweise selbst fur die Weisheitsbucher (4) zutrifft. Sie alle handeln von Jahwes einstiger, gegenwartiger und kunftiger Lenkung der Geschichte zum Wohl seines Volkes Israel und schliesslich auch zum Heil der Welt. Naturlich war auch Gerhard von Rad die Spannung zwischen der biblischen Geschichtsdarstellung und der aus ihnen abgeleiteten kritischen Darstellungen der Geschichte Israels nicht verborgen geblieben. Aber da er davon uberzeugt war, dass die spateren, in sich divergierenden Darstellungen der Vor- und Fruhgeschichte Israels lediglich eine Entfaltung eines alten, im Kult verankerten geschichtlichen Credo (Dtn 26,5-9) darstellten und dieses sich streng "auf die objektiven Geschichtsfakten" konzentriere, (5) sah er sich nicht genotigt, die reale Basis dieses Geschichtsglaubens in Frage zu stellen.

In den seither verflossenen Jahrzehnten, einem halben Jahrhundert, hat sich die Spannung zwischen der kritischen Rekonstruktion der Geschichte und dem Zeugnis der biblischen Geschichtsschreibung verscharft. Denn inzwischen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass ihre Darstellungen nicht als das Ergebnis einer zuverlassigen geschichtlichen Erinnerung, sondern als "rekonstruierte Geschichte" (Jan Christian Gertz)6 zu verstehen sind, welche die Aufgabe hatte, Israel an seine Eigenart als Volk Jahwes und an die sich daraus ergebenden Verpflichtungen und Hoffnungen zu erinnern. Moderner und blasser ausgedruckt konnten man sagen, dass sie der Sicherung der Identitat Israels dienten, die erst durch den Untergang des gleichnamigen Nordreiches im Jahre 722 und dann durch den des Sudreiches Juda (587) angefochten war. Das bedeutet, dass die Kluft zwischen dem biblischen und dem historisch rekonstruierten Bild der Vor- und Fruhgeschichte Israels so gross geworden ist, dass sich beide nicht mehr zur Deckung bringen lassen. Damit sieht sich der Theologe vor die Frage gestellt, welche religiose und theologische Bedeutung den heilsgeschichtlichen Werken der Bibel unter diesen Umstanden weiterhin zukommt. Der Alttestamentler liefert zur Losung dieses Problems in kluger Selbstbescheidung nur die Prolegomena. Dagegen bleibt es dem Systematiker vorbehalten, es im Blick auf die ganze biblische und christliche Tradition zu behandeln.

2. Die Geschichtserzahlungen des Pentateuchs als Sagen und das relative Vertrauen auf die Treue der mundlichen Uberlieferung

Wenn wir uns den im Pentateuch enthaltenen Erzahlungen zuwenden, so ist es seit dem Erscheinen der 1. Auflage des Genesiskommentars von Hermann Gunkel aus dem Jahr 1909 anerkannt, dass sie keine Geschichtsschreibung im modernen Sinne darstellen, sondern es sich bei ihnen um Sagen der unterschiedlichsten Arten handelt. (7) Die Sage aber, so fugen wir hinzu, ist die Form der geschichtlichen Erinnerung im Stadium mundlicher Uberlieferung. Aus der seither aktuellen Frage nach den literarischen Formen oder Gattungen der alttestamentlichen Literatur und ihrem Sitz im Leben hat sich in der auf Gunkel folgenden Generation organisch die nach der Traditions- oder Uberlieferungsgeschichte ergeben. …