Academic journal article Trames

Die Bemuhungen Carl Schmidts Um eine Allianz Von Chemischer Hochschulwissenschaft Und Privatindustrie Im Baltikum

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Die Bemuhungen Carl Schmidts Um eine Allianz Von Chemischer Hochschulwissenschaft Und Privatindustrie Im Baltikum

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1. Die Verbindung der europaischen Hochschulchemie mit den Zielen des Merkantilismus

Das sich im Laufe der Diziplinen-Differenzierung sukzessive verandernde Verhaltnis der Hochschulwissenschaft zur Wirtschaft lasst sich am Beispiel des Faches Chemie besonders gut darstellen (vgl. Nipperdey 1998, I:585-587). Die Chemie fungierte bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts weitgehend als Hilfswissenschaft der Medizin, stand aber traditionell auch in enger Beziehung zum Berg-, Hutten- und Munzwesen, der Kameralwissenschaft (1) sowie zur Pharmazie (vgl. Schmauderer 1969:49). Durch die Verbindung mit den genannten Bereichen entwickelte sich langsam eine Symbiose zwischen wissenschaftlicher Hochschulchemie und den Erfordernissen der wirtschaftlichen Praxis.

In Frankreich wurden schon im 18. Jahrhundert bedeutende Gelehrte Betreiber eigener chemischer Fabriken oder Leiter staatlicher Manufakturen und chemischer Gewerbebetriebe (Schmauderer 1969:49). Antoine Laurent Lavoisier (1743-1794)

beispielsweise stand als einer der reputiertesten Chemiker seiner Zeit seit 1776 den Koniglichen Salpeter- und Pulverfabriken Frankreichs vor und fuhrte zahlreiche Neuerungen in den technischen Herstellungsprozess von Kalisalpeter und Schiesspulver ein (vgl. Kopp 1843, I:300, Schaedler 1891:65-66, Speter 1929:333). Jean Claude Chaptal (1756-1832), im Hauptberuf Professor der Chemie in Montpellier, grundete dort ebenso wie in Rouen und Grenoble grosse chemische Fabriken, unternahm als deren Leiter umfangreiche Versuche zur Sodagewinnung und forderte durch seine Arbeiten die industrielle Produktion von Salpeter, Schwefel- und Salzsaure entscheidend. Von 1800 bis 1804 war Chaptal unter Napoleon I. (1769-1821) sogar Innenminister und gleichzeitig Direktor des Handels und der Manufakturen (vgl. Poggendorff 1863, I:420, Bloch 1929:295, Schmauderer 1969:50). Auch der beruhmte Chemiker Louis Joseph Gay-Lussac (1778-1850) gehorte als Professor an der Pariser Ecole polytechnique und am Jardin des Plantes der 1775 gegrundeten "Regie des Poudres et Salpetres" an und betrieb mit seinem Kollegen Michel Eugene Chevreul (1786-1889) zudem eine Stearinkerzenfabrik (vgl. Schaedler 1891:37-38, Schmauderer 1969:50, Meinel 1985:38). Chevreul seinerseits leitete ab 1826 die Farberei der Koniglichen Gobelin-Manufaktur und erwarb sich als Professor der Chemie am Musee d'histoire naturelle grosse Verdienste um die Farbenchemie sowie deren industrielle Nutzung (vgl. Poggendorff 1863, I:432, Schaedler 1891:23).

Wahrend es also in Frankreich durch die Tatigkeit der genannten und zahlreicher anderer namhafter Chemiker2 schon vergleichsweise fruh zu einer fruchtbaren Allianz von Wissenschaft und Wirtschaft vor allem in den Bereichen der chemischen Industrie, der Metallverhuttung, der Textilherstellung sowie der Glasund Porzellanfabrikation kam, profitierte das "Vielstaaten-Gebilde" Deutschland weit langsamer als die franzosische Volkswirtschaft von der Verknupfung der Hochschulchemie mit den Zielen des Kameralismus bzw. Merkantilismus (vgl. Meinel 1985:S. 37). Friedrich Anton von Heynitz (1725-1802) darf als einer der fuhrender Verfechter einer solchen starker utilitaristischen Entwicklung in Deutschland gelten. Als Leiter des Bergbauwesens in Sachsen grundete er 1765 die Freiberger Bergakademie, eine seither fur Lehre und chemische Forschung bedeutende Bildungsstatte. Spater war von Heynitz Leiter des preussischen Bergwerks- und Huttendepartements (1777), ubernahm 1782 die Zustandigkeit fur den Handel und die Fabriken und schliesslich 1783 auch die fur das Zoll- und Akzise-/Steuerdepartement. Seine Stellung als wohl einflussreichster preussischer Wirtschaftspolitiker ermoglichte es ihm, die deutsche Wirtschaft zu starken, sie vor auslandischer Konkurrenz zu schutzen und zugleich die Chemie seines Landes als Wissenschaft unter Betonung ihrer praktischen Anwendbarkeit zu fordern. (3)

Ein fruher Reprasentant der kameralistischen Denkweise unter den deutschen Hochschullehrern der Chemie war Christian Ehrenfried von Weigel (1748-1831), (4) der in seiner Greifswalder Antrittsrede ("Vom Nutzen der Chemie insbesondere in Absicht auf Pommern betrachtet") 1774 die Bitte ausserte, dass die Chemie "hier mehr geachtet, mehr getrieben, mehr zur Veredlung unserer Landesprodukte angewandt werden moge. …

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