Academic journal article Trames

Der Beitrag Carl Schmidts (1822-1894) Fur Die Fruhe Entwicklung der Klinischen Chemie an der Universitat Dorpat

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Der Beitrag Carl Schmidts (1822-1894) Fur Die Fruhe Entwicklung der Klinischen Chemie an der Universitat Dorpat

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Im Gegensatz zum Aufstieg der Chemie befand sich die Medizin zu Beginn des 19. Jahrhunderts "in einer tiefen Krise sowohl hinsichtlich ihrer Grundlagen als auch ihrer Praxis" (Buttner 1985b:8). (1) Eine wesentliche Ursache hierfur waren zumindest in Deutschland und den deutschsprachigen Landern die Gedanken der Naturphilosophie. Sie hatte auf dem Boden der kritischen Metaphysik der Natur Kants sowie der Naturphilosophie Schellings und Hegels eine allgemeine Seinsphilosophie entwickelt und die Natur als absolute Instanz interpretiert. (2) Entstand in der Folge Kants zwar noch ein Bund zwischen Naturphilosophie und Medizin, der als eine mehr oder minder "gluckliche Ehe mit wertvollen Fruchten" anzusehen war, so fuhrte diese Verbindung doch uberall dort zu Missgeburten, "wo man den Bogen uberspannte und von der Philosophie mehr erwartete, als sie dem Naturforscher und Arzt geben konnte." (Diepgen 1951:10) Viele Arzte im Zeitalter der Romantik liessen sich von den Extremen der Identitatslehre Schellings leiten (3) und versuchten, "auch die besonderen Erscheinungen und Gesetze der Natur aus reiner Vernunft und darum mit apodiktischer Gewissheit abzuleiten." Sie machten somit "die Spekulation zur wichtigsten Methode der Naturwissenschaft und Medizin ..., die doch ihrem ganzen Wesen nach zu allererst auf die Erfahrung und auf das Experiment" grunden mussten (Diepgen 1951:10).

"Neue Chemie", die "Geburt der Klinik" und deren Rezeption an der Universitat Dorpat Obwohl der Hohepunkt der Naturphilosophie erst um 1830 uberschritten war, versuchte man schon zuvor, die Krise der Medizin mit Hilfe der erfolgreichen Naturwissenschaften zu uberwinden. Trotz grosser nationaler Unterschiede bestand Einigkeit darin, "dass eine auf Physik und Chemie gegrundete neue Physiologie die Grundlage der Medizin sein sollte." (Buttner 1985b:8) Das Interesse der Mediziner galt zwischen 1820 und 1840 insbesondere jenem Teil der Chemie, der sich mit tierischen Substanzen befasste und daher auch als Zoo- oder Tierchemie bezeichnet wurde. (4) Gay-Lussac (5) und Thenard (6) hatten 1810 die organische Elementaranalyse entwickelt, (7) und 1821 gaben Prevost (8) und Dumas (9) vollstandige Analysengange fur die Untersuchung von Blut und Urin an. (10) Die damals einschlagigen Lehrbucher der Physiologie und physiologischen Chemie wurdigten diese Verdienste und stellten die neu entwickelten Verfahren und Methoden ausfuhrlich dar. (11) Erstmals in grosserem Massstab angewandt wurden klinisch-chemische Untersuchungen zu diagnostischen Zwecken 1830/31 bei den verheerenden Choleraepidemien in Moskau, Konigsberg und Berlin. Im Blut, Magensaft, Harn und Sputum der Erkrankten suchten die Chemiker nach den Ursachen des unheimlichen Geschehens, freilich ohne das auslosende Agens nachweisen zu konnen. (12) Ab 1840 waren es dann die Werke und Leistungen Justus von Liebigs, (13) die die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Medizin allgemein wie die der klinischen Chemie im besonderen entscheidend beeinflussten. (14) Liebig wollte "durch die chemische Umgestaltung der Physiologie auf die praktische Heilkunst" einwirken und mahnte die Arzte, "sich chemisch zu unterrichten, um klarere Vorstellungen uber Verdauungs- und Sekretionsvorgange zu erhalten." (Korn 1903:466-467)

Dieser "Neuen Chemie" als einer der historischen Wurzeln der medizinischen bzw. klinischen Chemie trat--ausgehend von Frankreich--durch die "Geburt der Klinik" (15) eine neue Art zur Seite, Medizin zu lehren und zu praktizieren. Die "Pariser Schule" (16) vertraute bei ihren prazisen klinischen Beobachtungen und Symptombeschreibungen auf die Methoden der physikalischen Krankenuntersuchung, kontrollierte den klinischen Befund durch die Sektion und wandte sich durch dieses neue klinisch-pathomorphologische Konzept weitgehend von der tradierten Medizin ab. "Neue Chemie" und "Neue Klinik" bereiteten also den Boden fur die Entstehung der klinischen Chemie. (17) Als gleichsam "disziplinkonstituierende Problemstellungen" (Luhmann und Schorr 1978:49) fungierten die weitgesteckten Anspruche der klinischen Medizin, die sich von der neu entstehenden Disziplin vor allem eine Unterstutzung der Diagnostik erhoffte. …

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