Academic journal article Trames

Zur Christlichen Terminologie Bei Den Esten, Liven Und Letten/On Christian Terminology of Estonians, Livonians, and Latvians

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Zur Christlichen Terminologie Bei Den Esten, Liven Und Letten/On Christian Terminology of Estonians, Livonians, and Latvians

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1. Einfuhrung

Sowohl sprachpsychologisch als nicht minder kulturgeschichtlich hochinteressant ist die Frage nach der Entstehung neuer Ausdrucke: von welchen Faktoren werden sie bestimmt und suggeriert?--Das konnen wir uns ziemlich genau vergegenwartigen, wie der estnische Padagoge und Publizist A.Grenzstein um 1880 z.B. paleus fur 'Ideal' von pale 'Wange, Backe, Angesicht' abgeleitet hat, und zwar nach dem gelehrten Vorbild vom griechischen eidos-eidea > idea--ideal. Ebenso la[ss]t sich erkennen, da[ss] der estnische Spracherneuerer Johannes Aavik um 1910 reetma fur das homophone verraten erdacht hat, oder da[ss] der Schriftsteller Johannes Semper um 1920 ise-aratsema 'einen Sonderling spielen' gebildet hat, um das russische originaljnieatj getreu wiederzugeben, oder wie Propst Jakob Aunver um 1925 kirikla fur 'Pfarrhaus' statt des altmodischen kirikumoisa ("Kirchgut") bringt. Selbst habe ich um 1930 rahva-parimus fur 'Volksuberlieferung' konstruiert, vaimsus fur 'Geistigkeit', eestlus fur 'Estentum' usw.

Genau so durfen wir aber fur die fruheren Kulturperioden annehmen, da[ss] es einzelne aktivere Denker unter den Gebildeten ihrer Zeit gab, die bei ihrer Tatigkeit und infolge ihrer Kulturkontakte gezwungen waren, fur neue Begriffe, die sie ihren Mitmenschen deutlich und mit aller Pragnanz vermitteln wollten, einen exakten sprachlichen Ausdruck zu schaffen. Naturlich wurden sie dabei von den Vorbildern jener Sprachen, mit denen sie sich beschaftigten und in welchen sie vielleicht sogar dachten, sowohl ideologisch als auch morphologisch beeinflu[ss]t, um ihrem sprachlichen Instinkt, ihrer geistlichen Entwicklung und allgemeinen Begabung gema[ss] mehr oder weniger gelungene Neologismen zu kombinieren.

2. Altere Sprachkontakte

Sprachpsychologisch stehen wir dabei vor einer Erscheinung, die sich zu allen Zeiten geradezu klassisch wiederholt: sto[ss]t man in einer fremden Sprache auf ein neues Kulturwort, so erhebt sich das unwiderstehliche Bedurfnis (oft zugleich auch die praktische Notwendigkeit), diesen Ausdruck in der eigenen Sprache wiederzugeben, und zwar gar nicht nur durch eine blo[ss]e Entlehnung, sondern vielmehr durch eine eigene Wortbildung, die neben den einfachen Lehnubersetzungen noch allerlei weitere Lehnpragungen bis zu ganzen Lehnausdrucken zur Folge hat. Besonders aufschlu[ss]reich ist es dabei, die Zeiten kultureller Hochkonjunktur zu verfolgen, in denen infolge mehrseitiger Kontakte u.a. auch sprachlich eine au[ss]erordentlich umfassende Neuschopfung aufkam und ganze Erneuerungswellen fluteten. Bei den Finnougriern z.B. la[ss]t sich die erste derartige Sprachform in Verbindung mit den Kulturbeziehungen zu den (indo)arischen und baltischen Stammen etwa im 2. Jahrtausend vor Christi erahnen. Eine bedeutend gro[ss]ere Spracherneuerung bringen die Kulturberuhrungen mit den Germanen mit sich, und zwar sowohl wahrend der alteren Eisenzeit (500 v.Chr.-400 n.Chr.) als auch der jungeren (800-1200 n.Chr.). Eine der umfangreichsten vorgeschichtlichen Spracherneuerungen der Ostseefinnen hat sich aber im wachsenden Kontakt mit den Ostslaven vollzogen, worauf man bis jetzt allzu wenig Aufmerksamkeit verwendet hat.

Das allmahliche Vordringen der Ostslaven in das ostseefinnische Siedlungsgebiet beginnt schon wahrend der mittleren Eisenzeit (400-800 n.Chr.), die Expansion der Russen erreicht aber erst wahrend der durch die Skandinavier politisch besser organisierten Waragerzeit nach 862 den Hohepunkt. Dazu gesellt sich um 1000 noch ein Faktor von gro[ss]ter Bedeutung, und zwar die Christianisierung Osteuropas. Gerade die Bekehrung hat eine ganz neue Mentalitat gezeitigt und einen geradezu enormen Wortschatz gefordert, um die komplizierte Glaubenslehre, das verfeinerte Lebensgefuhl und das normenreiche Wertbewu[ss]tsein zu definieren und zu eigen zu machen, um die dualistische Weltanschauung, die kirchlichen Traditionen usw. auch terminologisch zu verbreiten. Die Christianisierung hat eine ganz neue Kulturstromung und Ideenwelt mit dem drangenden Bedurfnis nach bisher vollig unbekannten Begriffen im Gefolge, um z. …

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