Academic journal article Fu Jen Studies: literature & linguistics

Ein Stuck Verstehen-Eine Rolle Suchen-Eine Rolle Finden. Entwicklung Von Text-Und Rollenverstandnissen Bei Einem Schultheaterprojekt in Taiwan

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Ein Stuck Verstehen-Eine Rolle Suchen-Eine Rolle Finden. Entwicklung Von Text-Und Rollenverstandnissen Bei Einem Schultheaterprojekt in Taiwan

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1. Ablauf des Theaterprojektes

Die Idee fur die vorliegende Studie ergab sich aus unserer langjahrigen Erfahrung mit deutschsprachigen Theaterprojekten der Abschlussjahrgange am Wenzao Ursuline College of Languages. Jedes Jahr fuhren die Schuler ein deutschsprachiges Theaterstuck auf. Sie waren zu diesem Zeitpunkt alle 19 bis 20 Jahre alt und hatten mehr als vier Jahre Lernerfahrungen mit Deutsch als Fremdsprache.

Die Auswahl der Darsteller, der eigentlichen Zielgruppe unserer Untersuchung, findet wahrend einer Casting-Veranstaltung statt, die ein halbes Jahr vor der Auffuhrung angesetzt ist und zu der alle Bewerber eingeladen sind. Die Jury besteht aus Lehrern und Studentenvertretern. Die betreuenden Lehrer aus der Deutschlandabteilung des Wenzao College werden von den Schulern des Abschlussjahrgangs selbst ausgewahlt. Die Auswahl der Regisseure erfolgt ebenfalls durch diese Schuler. Ihre Aufgabe besteht in der Leitung und Organisation des Abschlusstheaters. Die Regisseure sind fur die Betreuung der Proben und der Auffuhrung zustandig und koordinieren die Kooperation mit den anderen Arbeitsgruppen (Buhnenbildner, Beleuchter usw). Das von den verantwortlichen Schulern erstellte Manuskript des Theatertextes wird von den betreuenden Lehrern gekurzt. Die Darsteller erhalten von den Regisseuren konkrete Anweisungen nach dieser gekurzten Fassung, die im Verlauf der Proben einer standigen Korrektur unterzogen werden muss (Tamm/Sah, 2011, 58). In diesem Zusammenhang ist zu erwahnen, dass sich die Darsteller schon vor dem Probenprozess mit der Rolle auseinandergesetzt hatten. Denn sie hatten wahrend der Ferien privat organisierten Schauspielunterricht durch Studenten der ortlichen Schauspielschule in Kaohsiung genommen, den sie selbst finanzieren mussten (Gruppeninterview v. 12.1.2013).

Die Schuler hatten als Theaterprojekt das Marchen "Turandot" von Friedrich Schiller gewahlt. (1) Die Proben begannen ungefahr drei Monate vor der Auffuhrung. Im Vorfeld wurden die Originaltexte durch die betreuenden Lehrer gekurzt und in die chinesische Sprache ubersetzt. Da die Darsteller die eigentlichen Subjekte des fremdsprachlich-theaterpadagogischen Lernprozesses sind, bilden sie den idealen Gegenstand unserer qualitativ orientierten Untersuchung. In diesem Beitrag wollen wir thematisieren, wie die Studenten das Verstandnis des Textes und von ihrer Rolle erfasst haben.

2.1. Begriff und historische Entwicklung

Der Begriff Theater entstammt dem griechischen Wort "theatron" = Schaustatte, "theasthai" = anschauen. Dadurch gelangt man zu folgender Definition: Mit Hilfe des Rollentextes verwandelt sich der Darsteller in eine ihm fremde Figur und kommuniziert mit Menschen, die ebenfalls in eine fremde Rolle eintauchen. Spielende stellen menschliche Verhaltensweisen dar und mussen sich der Betrachtung und Beurteilung von Zuschauern aussetzen. Der Theaterregisseur Wekwerth konstatiert, dass "der primare Spieler im Theater [...] nicht der Schauspieler, sondern der Zuschauer" ist (Wekwerth 1974: 101), d.h. das Stuck bietet Raum fur Erfahrungs- und Phantasiewelten des Zuschauers. Gleichzeitig ist das Theater ein Abbild der Gesellschaft und schafft Moglichkeiten zur kritischen Reflektion (vgl. Plessner, zit. in Roselt 2005: 313).

Der Begriff "Rolle" entstammt der Schauspielkunst des 16. Jahrhunderts in Europa, als die Schauspieler bei den Proben ihren zu sprechenden Text von einem abzurollenden Papierstreifen ablasen. Nach heutigem Verstandnis beinhaltet Theaterrolle die Verwandlung in einen anderen Charakter (vgl. Eckert/ Klemm 1998: 86). Die verschiedenen Theatertheorien bieten unterschiedliche Definitionen des Rollenbegriffs an. Die Sozialpsychologie und die Soziologie umschreiben den Rollenbegriff als Abbildung von Interaktionen, wobei sich aus dieser Perspektive Theaterhandlung und Alltagskommunikation miteinander vergleichen lassen (vgl. Langer 1992: 800f.). Nach Goffman gleicht die Gesellschaft einer Buhne und jeder spielt dort bewusst oder weniger bewusst bestimmte Rollen (vgl. …

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