Von der Ethik Zur Asthetik: Puskins Ironische Weiterentwicklung Von Schillers "Raubern"

Article excerpt

Die Literaturwissenschaft hat sich bereits oft mit dem Thema "Schiller und Puskin" beschaftigt. Allerdings lasst sich hier eine eigenartige Verengung des Blickwinkels beobachten. Fast alle komparatistischen Arbeiten beschranken sich auf einen Vergleich von Schillers "Demetrius" und Puskins "Boris Godunov" (Dyck, Lysenkova, Alekseev 384 ff., Brody). In der Tat liegt dieses Thema nahe: Beide Dramatiker bearbeiten das Problem der Legitimitat von Herrschaft, die Psychologie der Macht und schliesslich den geschichtsphilosophischen Aspekt politischer Entscheidungen.

Uber diesem naheliegenden Vergleich, der einige Parallelen zwischen Schiller und Puskin aufzeigen kann, ist allerdings eine zweite thematische Uberschneidung in den Hintergrund geraten: Im Schaffen beider Dichter spielt das Raubermotiv eine wichtige Rolle. Allerdings gestaltet sich ein Vergleich der entsprechenden Texte ungleich schwieriger, weil Puskin Schillers Vorlage auf raffinierte Weise abwandelt.

Im folgenden sollen die verschiedenen literarischen Gestaltungen des Raubermotivs bei Schiller und Puskin untersucht werden. Die Analyse von Puskins Texten erfolgt vor dem Hintergrund einer Interpretation von Schillers Drama "Die Rauber". Dabei soll deutlich werden, welche moralischen Dilemmata Schiller in seinem Stuck behandelt und unter welchen poetologischen Bedingungen die Theaterhandlung erst sinnvoll werden kann.

Danach werden zwei Texte untersucht, in denen Puskin deutlich auf Schillers Vorgabe Bezug nimmt.: Das Romanfragment "Dubrovskij" aus dem Jahr 1833 und das Dramenfragment "Sceny iz rycarskich vremen" aus dem Jahr 1835. In beiden Werken ist das Raubermotiv auf prominente Weise prasent. Obwohl Puskins Deutsch nicht ausreichte, um Schiller im Original zu lesen, kann man von einer direkten intertextuellen Beziehung ausgehen: Puskin besass zwar in seiner personlichen Bibliothek keines von Schillers Werken im Original oder in einer Ubersetzung (Modzalevskij), allerdings kannte er die Handlung der "Rauber" aus der detaillierten Nacherzahlung in Madame de Staels De l'Allemagne, er erwahnt das Stuck sogar in seinen theoretischen Notizen zum Drama (Tomasevskij 417). Puskin geht in seiner eigenen kunstlerischen Arbeit sehr eigenwillig mit den "Raubern" um: Er spielt einzelne Versatzstucke aus Schillers Drama nur kurz in seine Texte ein, um sie sogleich zu ironisieren (Shrayer, Romantic irony).

Es lasst sich eine eigenartige Verschiebung des poetologischen Fokus bei den beiden Autoren beobachten. Wahrend Schiller sich ausschliesslich auf das problematische Verhaltnis von Recht und Moral konzentriert, handelt Puskin anhand des Rauberthemas die Frage nach der Rolle der Kunst am Ende der Romantik ab. Dabei geraten bei Puskin sowohl die rezeptions- wie auch die produktionsasthetische Seite in den Blick: In "Dubrovskij" legt Puskin die illusionare Seite des romantischen Leserbewusstseins offen, in "Sceny iz rycarskich vremen" verarbeitet er in einem dramatischen Gedankenexperiment drangende Fragen seiner eigenen kunstlerischen und gesellschaftlichen Existenz.

1. Schillers "Rauber"

Die literarische Uberzeugungskraft von Schillers Dramen beruht weder auf einer realistischen Handlungsfuhrung noch auf einer psychologisch treffenden Charakterdarstellung. Mit dieser Feststellung soll keinesfalls Schillers Menschenkenntnis bezweifelt werden, wie dies in der Literaturwissenschaft der 1930er Jahre geschehen ist. Allerdings muss Schillers dramatisches Schaffen grundsatzlich unter kunstlerischen und nicht lebenspragmatischen Gesichtspunkten analysiert werden. Deshalb kann man auch kaum Karl S. Guthke zustimmen, der kurzlich eine Lanze fur den "realistischen" Theaterautor Schiller gebrochen hat:

 
   Angewandte oder illustrierte Philosophie sind Schillers Dramen nicht; sie 
   entstammen einem eigenstandigen Zugang zur Wirklichkeit des Menschen. (28) 

Es geht Schiller gerade nicht um die Darstellung menschlicher Individualitat, wie dies etwa in der Theaterkunst Cechovs der Fall ist. …

Oops!

An unknown error has occurred. Please click the button below to reload the page. If the problem persists, please try again in a little while.