Academic journal article German Quarterly

Eine geheime Botschaft in Die Meistersinger von Nürnberg und Parsifal: Jüdisches, Christliches und Antisemitisches in zwei Werken von Richard Wagner

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Eine geheime Botschaft in Die Meistersinger von Nürnberg und Parsifal: Jüdisches, Christliches und Antisemitisches in zwei Werken von Richard Wagner

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Es liegt durchaus in der Absicht des Verfassers, mit einem ungewöhnlichen Titel die Neugier all jener hervorzurufen, die beide Werke, um die es hier gehen soll, hinlänglich zu kennen glauben: jene strahlende und durchsichtige "deutsche Festoper" und das statische, zuweilen düstere "Bühnenweihfestspiel." Die Gegensätze sind evident: Im Parsifal hat Richard Wagner einen mythologischen Stoff gewählt. Die Meistersinger sind dagegen in Nürnberg historische Realität gewesen. Hier wird eine sehr weltliche Geschichte, man möchte sagen: "handfest" geboten, wogegen im Parsifal eine Idee vorgestellt wird, deren Gehalt ins Mystische weist. Dennoch: Meistersinger und Parsifal haben eine gemeinsame Basis, die alle Gegensätze vergessen lässt.

Dabei erscheint es nicht angemessen, jene Schriften zu ignorieren, die Wagner im zeitlichen Umfeld beider Opern verfasst hat.1 Wagners Denken war sein Leben lang von sehr konkreten Ideen erfüllt, die er in seinen Schriften, Tagebüchern und Briefen dokumentiert hat. Es wäre naiv anzunehmen, dass er bei seinen Kompositionen diese Ideen ausgeblendet hätte. Im Gegenteil: Es spricht viel dafür, dass Wagner seine Opern auch als Basis für die Präsentation seiner Ideen verwendet hat. Das trifft insbesondere für jene Musikdramen zu, die Wagner nach der gescheiterten Revolution 1848/49 komponiert hat. Waren bislang seine Opern weitgehend an konventionellen Formen orientiert, wird mit dem Rheingold (1853/54) neues Terrain beschatten, das auch für Ausdeutungen offen ist, die außerhalb der eigentlichen Handlung liegen.

Wagner war an der Dresdner Mai-Revolution 1848 aktiv beteiligt. Er wurde deswegen steckbrieflich verfolgt und verbrachte elf Jahre im Exil. Sein im Jahre 1850/51 entstandenes theoretisches Hauptwerk Oper und Drama zeigt die programmatische Neuorientierung, die ein intensiviertes Verhältnis von Text und Musik fordert. Damit verbunden war Wagners Einsicht, dass er mit seiner Kunst eine größere Wirkung erzielen könne als mit Barrikadenkämpfen gegen Egoismus, Eigentum, bürgerliche Ehe und Lieblosigkeit.2 Dementsprechend befördern die jetzt entstehenden Buhnenwerke (Wagner spricht mit Ausnahme der Meistersinger nicht mehr von Opern, sondern von Musikdramen) politische und philosophische Ideen. So lässt zum Beispiel Der Ring des Nibelungen muhelos eine radikalsozialistisch geprägte Aussage erkennen.3 Wie sehr Wagner daran gelegen war, als Kunstler am aktuellen politischen Geschehen mitzuwirken, beweist ein Brief vom 20. März 1866 an den Politologen Constantin Frantz,4 in dem der Komponist recht anmafiend sich riihmt, durch seine Kunst "einen König lucid und völlig clärvoyant" gemacht zu haben, "der sonst das Gewöhnlichste des realen Lebens nicht richtig zu erkennen vermag." "Dass ich diesen König," fährt Wagner fort,

durch seine begeisterte liebe zu mir zu den grodartigsten und weitreichendsten Entschlussen und Handlungen zu treiben hoffen darf, - dies muss in erhabener Stimmung mich fast mit bedeutungsvoller Ahnung davon erfullen, in welchem Sinne und auf welche Weise ich auf Deutschland selbst zu wirken berufen sein möchte.

Das zielt unmittelbar auf die Meistersinger ab; dass Wagner den Stoff fur diese Oper nicht der Mythologie, sondern historischer Realität entnommen hat, ist nur konsequent: Die historischen Entsprechungen zwischen dem Deutschland des 16. und des 19. Jahrhunderts sind so deutlich, dass der Opernstoff keiner mythologischen Überhöhung bedarf.

Die Verbindung von Kunst und Politik bei Wagner ist ein Thema, das bis heute kontrovers gesehen wird.5 Es ist naturlich angenehmer, sich ausschliefilich auf die Musikproduktionen zu konzentrieren, eine Haltung, die von Neu-Bayreuth, also den Festspielleitern nach dem Ende des Zweiten WeItkrieges, entschieden befördert wurde. Vicies, was Wagner in seinen Schriften niedergelegt hatte, ist fragwurdig und peinlich, wohl ein Grund fur jenen Aushang, in dem die beiden jungen Festspielleiter Wieland und Wolfgang Wagner bei den ersten Bayreuther Nachkriegsfestspielen im Jahre 1951 das Publikum baten, "von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhugel freundlichst absehen zu wollen," denn: "Hiergilt's der Kunst! …

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