Academic journal article German Quarterly

Gelesene Wirklichkeit. Fakten und Fiktionen in der Literatur

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Gelesene Wirklichkeit. Fakten und Fiktionen in der Literatur

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Klüger, Ruth. Gelesene Wirklichkeit. Fakten und Fiktionen in der Literatur. Göttingen: Wallstein, 2006. 220 pp. euro22.00 hardcover.

Gelesene Wirklichkeit enthält eine sinnvoll zusammengestellte Auswahl von Ruth Klügers Essays, Ansprachen und Gastvorlesungen aus den letzten zwölf Jahren, die für ein deutschsprachiges Publikum entstanden sind (mit Ausnahme eines Artikel zu Lanzmanns Film Shoah aus dem Jahre 1986, den sie für diesen Band ins Deutsche übertragen hat). Wie der Untertitel ankündigt, verbindet diese Beiträge, dass sie sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Verhältnis von "Fakten und Fiktionen" befassen, wobei "Fakten" hier durchgehend für historische Vorgänge und Personen stehen.

Obwohl Klüger kurz auf die Rolle von Interpretation, Auswahl und Narration und damit im weitesten Sinne von Fiktion in der Historiographie (und in der Autobiographie) Bezug nimmt, vermeidet sie abstrakte Grundsatzdiskussionen zum Wahrheitsbegriff, und befasst sich stattdessen mit der Frage, wie Literatur und Film historische Ereignisse verarbeiten. Durch diese Verschiebung der Fragestellung auf die Möglichkeiten von Kunst rückt das Gegensatzpaar "Fakten und Fiktionen" in den Hintergrund, und das Gegensatzpaar "Kitsch und Kunst" in den Vordergrund. Mit Bezug auf Hermann Broch und andere Theoretiker der Kitsches und anhand konkreter Beispiele aus Literatur und Film unterscheidet sie zwischen "zwei Arten des Ästhetisierens": Auf der einen Seite stehe die "Wahrheitssuche durch Phantasie und Einfühlung ... die zum Nachdenken reizt," auf der anderen Seite "problemvermeidende" Darstellungsweisen, die die "Selbstbespiegelung der eigenen Gefühle" fördere (60-61).

Gerade wenn es um Repräsentationen des Holocaust geht, erweist sich diese Angangsweise als sehr viel produktiver als Versuche, strikt zwischen Fakten und Fiktionen zu trennen (wie Klüger dies in ihrem Artikel zur "Wahrheit in der Autobiographie" aus dem Jahre 1994 versucht hatte). Obwohl Klüger endgültige Zuordnungen vermeidet, rückt sie doch den Film Schindlers Liste mit seiner harmonisierenden Darstellungsweise des zum Retter gewandelten Nazis in die Nähe des Kitsches (64), während ihre Reaktion auf Lanzmanns Shoah (obwohl er mit dokumentarischem Material arbeitet) entsprechend der obigen Definition eher dem Bereich der Kunst zuzuordnen wäre (65). Gerade die gezielte Langsamkeit des Films provoziere Reaktionen und Reflektionen, die im krassen Gegensatz zur "kulinarischen Passivität" stehe, in die uns Kinofilme sonst oft versetzen (18).

Darüberhinaus zeigen ihre Kommentare zum "Fall Littner-Koeppen" (135-42; 89-93) auf eindrucksvolle Weise, wie sehr die Definition von "Kitsch" mit Fragen von Autorschaft, Genre und Kontext verknüpft ist. So wird für Klüger die Versöhnungsgeste in den Originalaufzeichnungen des Holocaustüberlebenden Littner erst in der bearbeiteten Fassung von Koeppen (der diese Aufzeichnungen als eigenen Roman ausgab) zum "weinerlichen Versöhnungspathos" (90).

"Kitsch vs. Kunst" zieht sich leitmotivisch auch durch einige der anderen Beiträge. So geht es in dem umfassenden Vortrag "Fakten und Fiktionen" zum Historikertag in Frankfurt (2000) anhand von literarischen Beispielen aus den letzten zwei Jahrhunderten (von Schiller bis Wilkomirski) zum einen um historisch orientierte Literatur als eine Form der "Wirklichkeitsbewältigung," zum anderen um Literatur, die Geschichte instrumentalisiert und damit zu "Kitsch" verkommt (92). …

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