Academic journal article German Quarterly

Die Frühromantik als Projekt vollendeter Mitteilung zwischen den Geschlechtern: Friedrich Schlegel und Dorothea Veit im Gespräch über Friedrich Richters Romane

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Die Frühromantik als Projekt vollendeter Mitteilung zwischen den Geschlechtern: Friedrich Schlegel und Dorothea Veit im Gespräch über Friedrich Richters Romane

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Der geschlechtliche Charakter des von Friedrich Schlegel initiierten und maßgeblich bestimmten Projekts der Frühromantik (vgl. Lacoue-Labarthe und Nancy 18) hat in den letzten Jahrzehnten zu einer Spaltung innerhalb der Literaturwissenschaft geführt. Auf der einen Seite stehen Untersuchungen, die die frühromantische Ästhetik als androzentrisch und narzisstisch verurteilen, wobei Schlegels Roman Lucinde (1799) als bevorzugtes Beispiel dient.1 Zahlreiche dieser Studien erkennen in Dorothea Veits2 Florentin (1801) eine Kritik und Subversion der Ästhetik der Lucinde: Veits Roman sei noch romantischer als derjenige Schlegels, d.h. noch selbstreflexiver, kritischer, ironischer, fragmentarischer und progressiver (Stephan 97; Helfer 146; Becker-Cantarino, "Dorothea Veit-Schlegel" 133-34; Roberts 260; Johnson 41; Pnevmonidou 291-92).3 Auf der anderen Seite finden sich Interpretationen der Frühromantik, die von deren Geschlechtlichkeit absehen und - feministischen Kritiken nicht unähnlich - den Ästhetizismus und Irrationalität des Projekts tadeln4 oder sein innovatives und progressives Potential hervorheben.5 In diesem Aufsatz wird versucht, zwischen diesen unterschiedlichen Forschungsrichtungen eine Brücke zu schlagen, indem ein Begriff der Schlegelschen Frühromantik entwickelt wird, der ihren kommunikativen Charakter betont. Die Frühromantik wird als ein selbstwidersprüchliches, paradoxes und unendliches Streben nach vollendeter Mitteilung verstanden, das in ebenso paradoxen und unendlichen schriftlichen Gesprächen bzw. Dialogen zwischen den Autoren und Autorinnen des Schlegelkreises seinen Ausdruck findet.6 Diese Gespräche beziehen auch sämtliche potentiellen Leser mit ein und stellen auf diese Weise jedes abschließende Urteil über die Frühromantik und ihre Geschlechtlichkeit in Frage. Eine angemessene Einschätzung dieser schriftlichen Gespräche erfordert keine beurteilende, sondern eine teilnehmende Lektüre, wie sie hier am Beispiel von Veits und Schlegels Diskussion über Richters Romane vollzogen werden soll.7

Die Beziehung zwischen Veits und Schlegels Poesiebegriffen erweist sich im Folgenden als ein einzelnes, aber entscheidendes Moment im frühromantischen Streben nach vollendeter Mitteilung. Die vollendete Mitteilung wäre ein Gespräch zwischen sämtlichen Individuen, bei dem sich diese gegenseitig ergänzen und vervollständigen, so dass sie als Einzelne Vollendung und Selbständigkeit gewinnen und zugleich gemeinsam zu einer harmonischen Gemeinschaft finden. Höchstes Medium dieses allumfassenden Gesprächs, das die Ziele der - aus Schlegels Sicht gescheiterten - französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verwirklichen würde, bildet die universelle, romantische Poesie (vgl. A 116).8 Ein wesentliches Mittel für die Realisierung der romantischen Universalpoesie ist wiederum die Vermittlung der Geschlechtergegensätze, die für eine Anzahl weiterer bedeutender Oppositionen stehen, darunter diejenigen zwischen Philosophie und Poesie, Philosophie und Religion, Kultur und Natur, Humor und Sentimentalität, Autor und Leserin. Diese geschlechtliche Mitteilung bzw. liebe bildet für Schlegel das natürliche Vorbild der Poesie, die ihrerseits Kunst und Leben miteinander verbinden soll (vgl. A116, KA V 56-57). Veits und Schlegels Gespräch über die Poesie kann als Paradigma dieses Strebens nach vollendeter Mitteilung zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit, Poesie und Leben betrachtet werden.

Um den Mitteilungscharakter dieses Gesprächs und seine Einbettung in das gesamte frühromantische Projekt deutlich zu machen, werden hier nicht, wie sonst üblich, Florentin und Lucinde untersucht, sondern der Dialog, der sich zwischen zwei um 1798 von Veit verfassten Notizen über Richters Dichtung und Schlegels im gleichen Zeitraum entstandenem und publiziertem 421. Athenaeums-Ïragmeni rekonstruieren lässt.9 Zum einen gehört diese Auseinandersetzung in den Zusammenhang des auf Universalität zielenden Gesprächs - der am Vorbild von Platons Symposion orientierten "Sympoesie" und "Symphilosophie" (vgl. …

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