Academic journal article German Quarterly

Erzählen nach Darwin. Die Krise der Teleologie im literarischen Realismus: Friedrich Theodor Vischer und Gottfried Keller

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Erzählen nach Darwin. Die Krise der Teleologie im literarischen Realismus: Friedrich Theodor Vischer und Gottfried Keller

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18th & 19th Century Literature and Culture Ajouri, Philip. Erzählen nach Darwin. Die Krise der Teleologie im literarischen Realismus: Friedrich Theodor Vischer und Gottfried Keller. Berlin: de Gruyter, 2007. 373 pp. $157.00 hardcover.

Philip Ajouri hat mit seinem Buch Erzählen nach Darwin eine eindrucksvolle Studie über die Beziehung zwischen Naturwissenschaft und Literatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland vorgelegt. Charles Darwins These der Kontingenz aller natürlichen und lebensgeschichtlichen Prozesse, in denen Entwicklung nicht zielgerichtet, sondern "aus dem zielblinden Wechselspiel von (zufälliger) und (statistisch notwendiger) Selektion" (4) besteht, bewirkte eine massive Krise realteleologischer Modelle. Diese Krise hat auch ihre Spuren in der Literatur, insbesondere in der lirzählpoet ologie des realistischen Romans, hinterlassen. An Friedrich Vischers Roman Auch Einer und Gottfried Kellers Der Grüne Heinrich zeigt Ajouri exemplarisch, dass literarische Texte auf den Verlust der Real teleologie reagierten, indem sie Kontingenz als formal-strukturelles Narrationsprinzip zur fiktionalen Wirklichkeitskonstruktion einsetzten.

Ausgehend von der Gültigkeit real- und erzählteleologischer Modelle bei Friedrich von Blanckenburg, rekonstruiert der Verfasser in kompetenten und präzisen Analysen die Entwicklung der Teleologiekritik bei Anselm Feuerbach und Ludwig Büchner bis zu Darwins Evolutionstheorie. Dabei gibt Ajouri eine hochinteressante Untersuchung über die bisher nur wenig erforschte Rezeption Darwins in Deutschland im 19. Jahrhundert. Die damaligen Vertreter des philosophischen und historischen Realidealismus versuchten die Radikalität von Darwins Theorie durch populärwissenschaftliche Verweltanschaulichung (wie z.B. in der Zeitschrift Das Ausland) oder durch Moraltheorie (z.B. bei David Friedrich Strauß) auf mögliche transzendente Sinnabschlüsse zu filtern. Diese Darstellungen zu Darwins Rezeptionsgeschichte zeigen Ajouris großes Gespür für philosophische Zusammenhänge und geben einen wichtigen Einblick in die diskursformativen Kräfte der damaligen populärwissenschaftlichen Methenlandschaft.

Doch obwohl Ajouri Darwins Rezeption so kenntnisreich darstellt, würde man gerne mehr über seine eigenen Interpretationen zu Darwins Schriften erfahren. Es verwundert, dass der Verfasser, der so gründlich philosophische Kategorien rekonstruiert, im Verhältnis nur spärliche Textanalysen zu Darwins Werken bietet. Ajouri weist z.B. darauf hin, dass Darwin immer wieder realteleologische Aussagen macht (89), doch eine weiterführende Diskussion dieser spannenden und thematisch relevanten Widersprüche bleibt aus. …

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