Academic journal article German Quarterly

Orientdiskurse in der deutschen Literatur

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Orientdiskurse in der deutschen Literatur

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Bogdal, Klaus-Michael, ed. Orientdiskurse in der deutschen Literatur. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2007. 363 pp. euro39.90 paperback.

Das Buch umfasst, einschließlich des Vorworts des Herausgebers, 15 Beiträge zu Aspekten des Orientdiskurses. Das Vorwort setzt sich mit Saids Begriff Orientalismus" auseinander und spricht von einem Orientbild in der deutschen Literatur," welches sich "deutlich von dem, das sich unter den Bedingungen kolonialer Herrschaft in der englischen und französischen Literatur herausgebildet hat" (ebd.), unterscheidet. "Abwehr und Faszination" (ebd.) bestimmen das deutsche Orientbild. Dieses wird in Manifestationen von Walther von der Vogelweide (Meinolf Schumacher) bis zur Gegenwart dargestellt. Die Anordnung der Beiträge in historischer Sequenz schafft trotz der Eklektik der Themen ein Gefühl für die kontinuierliche Präsenz des Orients in der deutschen Literatur. Daß diese Präsenz nicht mit Saids Orientalismusbegriff zu erfassen ist, machen mehrere Beiträge klar. Auf die Frage, warum das so ist, wird jedoch nicht eingegangen. Andrea Polaschegg kondensiert das Argument ihres Buches Der andere Orientalismus. Regeln deutsch-morgenländischer Imagination im 19. Jahrhundert (2005), indem sie Luhmanns funktionale Methode und Wittgenstein bemüht, um "Parameter zu einer Gebrauchsgeschichte des deutschen Orientalismus" (64) zu entwickeln. Diese Gebrauchsgeschichte, deren weit gesteckte Applikation sich im Titel des Beitrages "Von chinesischen Teehäusern zu hebräischen Melothen zeigt," versucht, "das kulturgeschichtliche Phänomen Orientalismus' aus dem falschen Vorverständnis zu befreien, es verfolge einen übergeordneten Zweck und würde den Orient zu diesem Zweck funkt ionalisieren" (65). Anstelle "durch die Schaffung eines orientalischen Anderen' europäische Identität zu konstituieren und zu stabilisieren" (53) - wie Said postuliert - würde der Blick "auf solche gebrauchsgeschichtlichen Zusammenhänge des Orientalismus" dazu führen, die "Regelhaftigkeiten in der Geschichte des Orientalismus auszumachen, die selbst nicht weniger als exotisch sind" (75). Das aus dem naturwissenschaftlichen Denken übernommene und an Gottsched gemahnende Konzept der Regelhaftigkeit irritiert.

Die Skepsis gegenüber dem Saidschen Orientalismusbegriff zeigt sich ebenfalls in der einleitenden Frage des Orientalisten und Soziologen Georg Stauth: "Müssen Orientalisten 'Pilger' sein, die nach 'Ursprung' und 'Goldenen Zeitaltern' suchen, sich orientalische Kulturen aneignen und in eignem Interesse uminterpretieren? " (293) . Sein Artikel "Hellmut Ritter in Istanbul - Migration und spiritueller Orientalismus'" gehört zu den herausragenden Beiträgen des Bandes. Hellmut Ritter, "der erste Nachkriegsprofessor für orientalische Philologie an der Universität Frankfurt, der mehr als sein halbes Leben in Istanbul gelebt und gearbeitet hat, kann schlecht als ein 'Wallfahrer' oder Kulturkolonist bezeichnet werden" (294) . Dieser Beitrag zeigt nicht nur die Problematik von Saids Thesen am konkreten Beispiel, sondern macht auf "kulturübergreifende Konstitutionen des modernen Bewusstseins" (307) aufmerksam. …

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