Academic journal article German Quarterly

Jenseits von Tugend und Empfindsamkeiz. Gesellschaftspolitik im Frauenroman um 1800

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Jenseits von Tugend und Empfindsamkeiz. Gesellschaftspolitik im Frauenroman um 1800

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Gerig, Maya. Jenseits von Tugend und Empfindsamkeit. Gesellschaftspolitik im Frauenroman um 1800. Köln: Böhlau, 2008. 185 pp. euro29.90 paperback.

Die Frauenliteraturgeschichte versteht die Wende zum 19. Jahrhundert als Epochenschwelle, in der die Geschlechterrollen entlang der Grenze von Öffentlichkeit und Privatheit neu definiert werden. In der weiblichen Literaturproduktion, so zeigen inzwischen zahlreiche Stuthen zum Frauenroman um 1800, erscheint dabei diese Grenze als durchlässig. An dieses Verständnis vom weiblichen Schreiben als "Raum der Übertretung," wie es Helga Meise bereits 1983 in ihrer Untersuchung Die Unschuld und die Schrift bezeichnet, schließt sich Maya Gerigs Studie zum sozialpolitischen Potential in Prosawerken von Frauen um 1800 ausdrücklich an.

Ziel der Studie ist es, aufzuzeigen, wie im Frauenroman, den Gerig in Anlehnung an Leonie Marx in der Auseinandersetzung mit der sozialen Stellung der Frau als "Emanzipationsliteratur" (12) versteht, "seismografisch Zeitprobleme von den Autorinnen erkannt und in die Texte eingewoben wurden" (29). Gerig will damit einer Vorstellung vom Frauenroman als "Verklärung femininer Tugenden und idealisierter Weiblichkeit" (1) widersprechen und das Genre stattdessen "jenseits von Tugend und Empfindsamkeit" ansiedeln. Gerigs Leseweise sucht nicht die im Frauenroman zwischen den Zeilen versteckten, subversiven Botschaften, sondern es geht ihr gerade im Gegenteil darum aufzuzeigen, dass die gesellschaftspolitischen Anliegen offen und in einer Vielzahl von Texten thematisiert werden. Zielt Gerig dabei auch auf eine Aufwertung des Frauenromans, den sie vom Vorwuf des Trivialen befreien will, so möchte sie "wertende Urteile bezüglich des emanzipatorischen Potentials der Texte" (2) vermeiden und befürwortet daher eine "Schwerpunktverlagerung von der Handlungszur Diskursebene" (13), immer unter der Fragestellung: "Inwiefern thent der Roman als Plattform für eine öffentliche Auseinandersetzung?" (29)

Der Untersuchung liegen insgesamt 22 Romane und Erzählungen von 13 Autorinnen zugrunde, beginnend mit Sophie von La Roches Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771) bis zu Thérèse Hubers Die Ehelosen (1829). Gerig beginnt mit einer knappen Übersicht über die zeitgenössische Rezeption sowie einige, für den Ansatz der Studie relevante Positionen in der feministischen Literaturwissenschaft. Die folgenden drei Kapitel sind dann der Analyse diskursiver Textstellen in den ausgewählten Romanen gewidmet, thematisch nach den Schwerpunkten Kindsmord und Abtreibung, Gewalt in der Familie und Scheidung und Ehelosigkeit geordnet, Themen, die wie der Frauenroman selbst auf der Grenze zwischen dem privaten Bereich der Famlie und der öffentlichen Diskussion liegen.

Am Beispiel des Themas "Kindsmord" - "eines der 'Lieblingsthemen' zeitgenössischer männlicher Autoren" (36) und Gegenstand einer philosophischen und juristischen Debatte - zeigt sich Gerigs Vorgehensweise, in der es zum einen darum geht, die Komplexität und Vielfältigkeit der Thematisierung im Frauenroman aufzuzeigen, zum anderen diese literarische Auseinandersetzung in Bezug zur zeitgenössischen Diskussion zu setzen. …

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