Academic journal article German Quarterly

Eine Literaturgeschichte der Photographie

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Eine Literaturgeschichte der Photographie

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Neumann, Michael. Eine Literaturgeschichte der Photographie. Dresden: Thelem, 2006. 354 pp. euro35.00 paperback.

Michael Neumann verschränkt in seiner Studie Eine Literaturgeschichte der Photographie in anregender Weise den photographieästhetischen mit dem literaturgeschichtlichen Diskurs. Die in den Texten zur Photographie verwendeten Metaphern des Sehens und der visuellen Darstellung decken auf, wie sowohl die bildliche als auch die textuelle Repräsentation historisch reflektiert werden. Die Einleitung von Neumanns Studie beschreibt den Zusammenhang von Optik und Rhetorik: "[Die Arbeit] will eine Phänomenologie der literarischen Adaption jener Denkfiguren vorstellen, die durch die Erfindung der Photographie auf den Plan traten, modifiziert wurden oder schlicht Anwendung fanden, um dem Neuen seinen kulturellen Ort zuzuweisen" (11). Neumann gelingt so die Darstellung der Metaphorik der Photographie als Schlüssel zu den epistemologischen Evidenzprozessen, die die semiotische Repräsentation der beiden Methen bestimmen. Die acht Kapitel des Buches stellen die Entwicklung der photographischen Metaphorik in Literatur und Literaturtheorie vom 18. bis zum 20. Jahrhundert jeweils argumentativ geschlossen und informativ dar.

Die optischen Metaphern loten im 18. Jahrhundert die Problematik der Abbildbarkeit aus, wie Neumann bei E.T.A. Hoffmann und Goethe zeigt. Die Qualität von Kunst misst sich hier an der Unsichtbarkeit des Repräsentationsprozesses. Diese Sichtweise ändert sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts, der Epoche der Photographie. Erst in der expliziten Darstellung der Inadäquatheit der technischen Apparatur kann das Bild über die Natur hinausweisen und dadurch zur Kunst werden. Diese kulturkritische Feststellung der Mangelhaftigkeit der technischen Reproduktion, die Neumann bei Heine, Storm, Sacher-Masoch und Raabe feststellt, bleibt zusammen mit der dazu in Konkurrenz stehenden Sichtweise des Naturalismus ein Bezugspunkt für die folgenden Kapitel. Letzterer sieht vor dem Hintergrund der Möglichkeit naturwissenschaftlicher Objektivität in der Kunst immer nur graduelle Unterschiede der Repräsentation, was durch die Kritik am oberflächlichen Charakter naturalistischer Abbildung deutlich wird, die so der Photographie indirekt Evidenzcharakter zuschreibt.

Einen grundsätzlichen Zweifel an dieser Epistemologie sieht Neumann in der poetologischen Reflexion von Erinnerungsmechanismen bei Proust und Benjamin. Die Erinnerung, so die These im vierten Kapitel, kann vermöge photographischer Zeugnisse gegenüber dem textuellen Gedächtnis immer nur fragmentarisch bleiben. Dies gilt für den literarischen Text (Proust) ebenso wie für die Darstellung von Geschichte (Benjamin). Diese Ästhetik, die angelehnt ist an die Sichtweise der Mitte des 19. Jahrhunderts, spielt auch im darauf folgenden Kapitel zu Kafka eine Rolle, das eine Schnittstelle der Argumentation markiert. …

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