Academic journal article German Quarterly

Un-Civilizing Processes? Excess and Transgression in German Society and Culture: Perspectives Debating with Norbert Elias

Academic journal article German Quarterly

Un-Civilizing Processes? Excess and Transgression in German Society and Culture: Perspectives Debating with Norbert Elias

Article excerpt

Fulbrook, Mary, ed. Un-Civilizing Processes? Excess and Transgression in German Society and Culture: Perspectives Debating with Norbert Elias. Amsterdam: Rodopi, 2007. 296 pp. $81.00 hardcover.

Erst seit den 70. Jahren gilt der bis dahin eher als "Außenseiter " betrachtete Norbert Elias als einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Seitdem thent seine Zivilisationstheorie als Bezugsrahmen für unterschiedlichste kulturwissenschaftliche Ansätze. So reicht auch das interdisziplinäre Spektrum der hier gesammelten Aufsätze, deren Verfasser fast alle am University College London arbeiten, von Literaturwissenschaft und Medieval Studies über (Sozio-) Linguistik und Kunstwissenschaften bis zu (Kultur-)Geschichte und Politikwissenschaft.

Der Titel des Sammelbandes, aber auch das wohl absichtlich provozierende Umschlagbild eines WM-Supporters, der stolz seine mit "Germany" bedruckte Unterhose entblößt, verweisen auf die Zentralthese des Bandes, dass Elias' Zivilisationstheorie vor allem im Hinblick auf entzivilisierende Prozesse oder Momente des Exzesses weiterentwickelt und kritisiert werden soll. Zwar bilden der Holocaust und der Zweite Weltkrieg den unauslöschlichen Hintergrund des soziologischen Paradigmas des jüdischen Denkers und zwar hat er mit seiner Studie über The Germans den "Entzivilisierungsschub der Hitler-Epoche" (Elias) zu erklären versucht, doch bleiben seine makrohistorischen Entwürfe - so die Herausgeberin Mary Fulbrook - hinter den Komplexitäten, Kontingenzen und Diskontinuitäten der deutschen Geschichte zurück. Es ist also das explizite Anliegen dieses Sammelbandes, die "Eliasian master-narrative of affect-control" (Umbach 187), nicht mittels metatheoretischer Betrachtungen, sondern konkreter "Anwendungen" in ihrer Brüchigkeit und Unzulänglichkeit herauszustellen. Elias' Werk - so wäre allerdings einzuwenden - situiert sich aber selbst im Spannungsfeld zwischen (Meta-)Theorie und mikroskopischem Detail; anstelle einer spekulativen Zentraltheorie wollte er "Prozeßmodelle" entwickeln, "die empirisch überprüfbar und wenn nötig korrigierbar oder widerlegbar " (Elias) sind. Elias verstand seine Theorie also nicht als eine dogmatische "master-narrative," sondern vielmehr als hypothetisches und revidierbares Modell - oder, wie Foucault, als "Werkzeugkisten."

Das Herausfiltern von applizierbaren Theoremen aus Elias' Werk birgt jedoch die Gefahr, seine - auch rhetorisch-stilistische - Komplexität und Raffinesse aus dem Auge zu verlieren. Die meisten Diskussionspunkte in den unterschiedlichen Beiträgen laufen also auf allzu bekannte Vorwürfe hinaus, die einer Detaillektüre von Elias' Texten nicht standhalten. Mary Fulbrook listet diese Schibbolethe der Elias-Kritik, die sich manchmal aber auch im Sammelband selber durchsetzen, in ihrer ausgezeichneten Einführung auf: Elias' Zivilisationstheorie sei unter anderem unilinear und teleologisch, obwohl sie immer wieder betont, dass Zivilisationsprozesse zwar strukturiert und gerichtet, aber ungeplant und in Schüben und Oszillationsbewegungen verlaufen; oder, sie berücksichtige ungenügend die Ambivalenz der Modernität, obwohl sie die Verflechtung von Zivilisation und Gewalt herausstellt und die Fragilität zivilisatorischer Gleichgewichte erkennt. Die wesentliche Leistung dieser zehn Aufsätze ist aber, dass sie Elias' Entwurf einer "historical social psychology" verfeinert haben, indem sie den Blick verstärkt auf das Veränderliche und Prozessuale der Lebensverhältnisse und das komplexe Wechselspiel zwischen Individuum (Psychogenese) und Gesellschaft (Soziogenese), Transgression und (Selbst-)KontrolIe richten. …

Search by... Author
Show... All Results Primary Sources Peer-reviewed

Oops!

An unknown error has occurred. Please click the button below to reload the page. If the problem persists, please try again in a little while.