Academic journal article German Quarterly

Der panoramatische Blick auf das Andere in Ida von Hahn-Hahns Reisebericht Orientalische Briefe (1844)

Academic journal article German Quarterly

Der panoramatische Blick auf das Andere in Ida von Hahn-Hahns Reisebericht Orientalische Briefe (1844)

Article excerpt

Einleitung

"Bald nun werde ich wissen, wie der Orient sich im Auge einer Tochter des Occidents abspiegelt,"1 schreibt die Schriftstellerin Ida von Hahn-Hahn am 22. August 1843, am Vorabend ihrer zehnmonatigen Reise in den Nahen Osten. In diesem Satz offenbart sich bereits in Ansätzen die für Hahn-Hahn charakteristische Wahrnehmung des Anderen.2 Ihr antizipiertes Bild des Orients wird einerseits von ihrem europäischen Blickwinkel bestimmt; denn Hahn-Hahn sieht sich als weiblicher Abkömmling der Kultur und Tradition des Abendlandes. Andererseits wird genau diese europäische Sicht in Frage gestellt. In Hahn-Hahns Äußerung drückt sich auch die Ungewissheit darüber aus, wie sie das Andere sehen wird; ihr voreingenommenes Bild des Orients scheint aus dem europäischen Rahmen ausbrechen zu wollen. HahnHahns Augen schauen quasi gleichzeitig in zwei Richtungen - nach dem bekannten Europa und nach dem unbekannten Orient.

Dieser "schielende Blick"3 soll in Verbindung mit den kollektiven Wahrnehmungsweisen des Orients im optischen Massenmedium Panorama untersucht werden. In Hahn-Hahns Texten sind Sichtweisen auf das Andere nachweisbar, die den Darstellungen in der Panoramamalerei des 19. Jahrhunderts ähneln. Schon Walter Benjamin hat in seinem Passagen-Werk das Panorama als einen komplexen Wahrnehmungsraum gekennzeichnet: "Das Interesse am Panorama ist, die wahre Stadt zu sehen - die Stadt im Hause. Was im fensterlosen Haus steht, ist das Wahre" (661). Das Panorama liefert demnach einen Schauraum, in dem es keine Perspektive nach draußen gibt; der Blick kann den Raum nicht transzentheren, sondern wandert in ihm herum. Erkenntnistheoretisch gesehen versinnbildlicht Benjamins Metapher des fensterlosen Hauses, dass das Wahre nicht in eine eindeutige kommunikative Sprache übersetzt werden kann, sondern monadologisch und singular strukturiert ist. Ohne Benjamins Monadologie zu überspitzen, soll sein Denkbild für meine Lektüren der panoramatischen Optik in Hahn-Hahns Schriften wegweisend sein: Auch Hahn-Hahns Texte können singulare Bilder des Fremden geben, die sich einer Verallgemeinerung entziehen und somit die Probleme des Darstellens bewusst machen und reflektieren können. Oettermann greift in seinen Untersuchungen die wahrnehmungsspezifische Komplexität des Panoramas auf und charakterisiert die Perspektive des Mediums durch eine widersprüchliche Parallelität von Erhabenheit ("Seh-sucht") und Schwindel4 ("Seh-krankheit") (7-19). Dieses Nebeneinander von Erhabenheit und Schwindel in den Wahrnehmungen der Reiselandschaften des Orients und eine damit verknüpfte Problematisierung von verallgemeinernden Konzepten des Anderen kennzeichnen auf literarischer Ebene auch Hahn-Hahns Orientalische Briefe.

Nach einem einführenden Abschnitt über die aktuelle Forschungsdiskussion über Hahn-Hahns Werke zeigen der zweite und dritte Teil meiner Untersuchung der Orientalischen Briefe, dass sich ihre Texte von diesem panoramatischen Blickwinkel leiten lassen, sie also bei der Konstruktion von Identität eine erhabene eurozentrische Perspektive einnehmen, die gleichzeitig in Momenten der Orientierungslosigkeit wieder in Frage gestellt wird. In diesem Kontext gewinnt die panoramatische Konstruktion von Identität auch eine geschichtliche Dimension, da sie die Kulturräume des Orients und Okzidents in einem allumfassenden Geschichtspanorama zu vereinen versucht. Die Analyse dieser geschichtlichen Totalität im vierten und letzten Abschnitt soll darstellen, dass die paradoxe Optik des Panoramas eurozentrische Perspektiven auch im Hinblick auf die Repräsentation von Vergangenheit auf- und wieder abbauen kann.5

In dieser Untersuchung sollen demnach Hahn-Hahns Widersprüchlichkeiten nicht zu Gunsten einer theoretischen Schule (z.B. des Postkolonialismus) aufgelöst werden. Im Gegenteil: Es soll deutlich werden, dass Identitätsbildung und Geschichtskonstruktion in ihren Texten auf der paradoxen Einheit der Differenz von Offenheit und Geschlossenheit gegenüber dem Anderen basieren. …

Search by... Author
Show... All Results Primary Sources Peer-reviewed

Oops!

An unknown error has occurred. Please click the button below to reload the page. If the problem persists, please try again in a little while.