Academic journal article Studia Musicologica

"Der Himmel Weiß! in Welchem Geistesstall er Sein Nächstes Steckenpferd Finden Wird" Liszts Interesse an der Bildenden Kunst Mit Den Augen Heines Gesehen

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"Der Himmel Weiß! in Welchem Geistesstall er Sein Nächstes Steckenpferd Finden Wird" Liszts Interesse an der Bildenden Kunst Mit Den Augen Heines Gesehen

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Heinrich Heine gilt in der deutschen Literatur- und Musikgeschichte gemeinhin als einer der Mitbegründer des musikalischen Feuilletons, ein Genre, das er mit den Mitteln der Ironie und Satire zu höchster Meisterschaft entwickelte. Seine in Form von Korrespondenzartikeln verfassten Reflexionen über das Konzert-, Opernund Theaterleben fanden in der Öffentlichkeit großen Widerhall, sie wurden in zeitgenössischen Tageszeitungen und Fachzeitschriften besprochen und teilweise sogar nachgedruckt.1 Gegenstand dieser Berichte waren wiederholt einige der füh1. renden zeitgenössischen Komponisten - vor allem solche, deren Werke in Paris zur Aufführung kamen. Vielen von ihnen wie Berlioz, Chopin, Liszt, MendelssohnBartholdy, Meyerbeer und Wagner begegnete Heine persönlich. Methodisch waltet in den Artikeln seit seinen Briefen aus Berlin von 1822 die "Ideenassoziation"2 vor: Der Berichterstatter liest aus den musikalischen Ereignissen, Neuigkeiten und Anekdoten von Musikern, der Publikumswirkung ihrer Werke die Entwicklungen und Zustände der Zeit heraus. Er verknüpft somit assoziativ die 'musikalischen Parteien' mit den 'politischen Parteien', wertet musikalische Fragen als politisch-gesellschaftliche.3 Dabei kommt ein "Verfahren der sprachlichen Karikatur"4 zum Tragen, denn Heine bringt seine sachliche Kritik als persönliche Kritik an Körper, Mimik und Gestik der Musiker auf den Punkt.

Mit seinen kulturpolitischen Aussagen gelingt es ihm, die Zensur teilweise zu umgehen, was besonders nach den Beschlüssen zu einem Verbot der Literatur des Jungen Deutschlands von Preußen und der Bundesversammlung von 1835 für seine weitere Tätigkeit bedeutsam werden sollte.5 Dabei geht es ihm nicht in erster Linie um professionelle Musikrezensionen, in denen kompositionstechnische Merkmale konkreter Werke (Musiktitel werden selten genannt) mithilfe fachspezifischer Terminologie diskutiert werden. Vielmehr sucht Heine in der Musik den Ausdruck gegenwärtiger Verhältnisse und befragt sie nach ihrer Aktualität.6 Ändern sich die sozioökonomischen Bedingungen von Musik, revidiert Heine im Zuge seiner Analyse fallweise seine Beurteilung einzelner Musiker - wie jene von Liszt.

Am 19. Mai 1831 übersiedelt der von der französischen Julirevolution begeisterte Heine, der scharfen Zensur und zunehmenden Anfeindungen in Deutschland überdrüssig geworden, nach Paris. Kurz nach seiner Ankunft lernt er bereits im Juni Franz Liszt kennen. Es ist allgemein bekannt, dass das Verhältnis zwischen Heine und dem vierzehn Jahre jüngeren Liszt nicht unproblematisch war. Für Rainer Kleinertz verbinden sich schon in Heines erster Erwähnung Liszts in den Florentinischen Nächten (1836) "Anerkennung und Unbehagen miteinander und lassen eine Ambivalenz erkennen, ohne die die spätere Kritik Heines an Liszt nicht verständlich ist".7 Wenn im Novellen-Fragment über Liszts Spiel gesagt wird, dass er eine seiner "brillantesten Schlachten" geliefert habe bis die Tasten "zu bluten" schienen und Liszt habe eine "Passage aus den Palingenesieen von Ballanche, dessen Ideen in Musik"8 übersetzt, so ist die Ironie dieser Übertreibungen Heines nicht zu überlesen. Die Textstelle bezeugt zwar eine gewisse ehrliche Bewunderung für die kämpferische Natur Liszts, der mehr als bloße Virtuosität zur Schau stellen wollte, allerdings mit einer reservierten Haltung gegenüber dem Überwältigenden und Auftrumpfenden seiner Klavierstücke. Diese Reserviertheit hat jedoch weniger mit dem oft ins Feld geführten "musikalischen Nihilismus"9 Heines, wie Michael Mann es nannte, zu tun. Vielmehr dürfte der Grund für die Distanznahme darin liegen, dass eine "harmonische und melodische Kompliziertheit"10 korrespondiert mit philosophischem Tiefgang der Schriften Ballanches. Jedoch gerade in der 'Kompliziertheit' ist schon der Keim angelegt für Heines spätere Kritik an der 'Vergeistigung' der deutsch-romantischen Musik. Das Heine-typische Stilmittel der Ironie wahrt demnach das "Gleichgewicht zwischen zwei Aspekten, die für sein Verhältnis zur Musik Liszts und Berlioz' von Anfang an grundlegend waren: Während er einerseits keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihres künstlerischen Strebens hegte und Liszt als genial, den Symphoniesatz von Berlioz als 'treffliches Stück' apostrophierte, stand er ihrer Musik an sich eher reserviert gegenüber. …

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