Academic journal article German Quarterly

Heinrich Von Kleists Textrhetorik: Direktheit Und Aufschub in das Erdbeben in Chili Und der Zweikampf

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Heinrich Von Kleists Textrhetorik: Direktheit Und Aufschub in das Erdbeben in Chili Und der Zweikampf

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Einführung

Im vorliegenden Aufsatz möchten wir am Beispiel von zwei ausgewählten Novellen Heinrich von Kleists (Der Zweikampf und "Das Erdbeben in Chili") den Nachweis erbringen,dass Figürlichkeit und rhetorische Strukturen aufdie narrative Form und auf die Sprechakte des Textes durchgreifen. Bei rhetorisch-narratologischer Analyse von Kleists Novellen wird darauf abgehoben, dass Kleist neben der Fabel auch eine Konfrontation von zwei konkurrierenden Zeitparadigmen inszeniert, die der näheren Interpretation bedarf.

Unsere These korrigiert die aktuell oft vertretene Auslegung von Kleists Prosa als Verkörperung desDirekten, der Immanenz, des Spontanen unddesGleichzeitigen. Anlässlich Kleists zweihundertjährigen Todesjahres wurde die Atemlosigkeit als Grund für seine gegenwärtige Popularität und Relevanz genannt. Kleists Aktualität sei seiner "Manie der Fülle unvermittelter Präsenz" (Gailus 1, vgl. Elshout 61), der Performativität seiner Texte (Allan und Griffiths) und seiner Entscheidung für eine "präsentische," mit der "Perspektive des Lebens" verknüpfte Erzähltechnik statt einer "konsekutiven," mit dem Tod assoziierten zu verdanken (Blamberger 15).1 In einem Artikel über die kreative Kleist-Rezeption bei Alexander Kluge wiesen wir aber nach, dass Kluge nicht nur Themen und Motive Kleists weiterschreibt, sondern sich auch mit Kleists Schreibweise auseinandersetzt und dabei eine Dynamik des Aufschubs in Kleists Texten aufdeckt (Elshout, Martens und Biebuyck). Wir nehmen diese These zum Anlass, um in Novellen, die bislang am stärksten die in derheutigenKleist-Forschung dominante Auffassung eineridealisiertenDirektheitund einerKritik derVermittlung in KleistsWerk gefütterthaben,nachFormen der Indirektheit und nach einem kritischeren Umgang mit Direktheit zu suchen.

ImFolgendenmöchtenwir anhandderexemplarischenAnalysevonzweiausgewählten Novellen die Textrhetorik untersuchen, wie sie in Kleists Erzählprosa zur Entfaltung kommt.Textrhetorikist wederimklassischen,produktionsästhetischen Sinne als Anwendung verschiedener internalisierter Regeln zu verstehen, noch im kognitiven Sinne als eine Realisierung mentaler Schemata, die man unabhängig vom Text erforschen könnte (Lakoff und Johnson, Lakoff und Turner). Mit Textrhetorik bezeichnen wir das prozessuale Netz, das sich im Text entspinnt, indem Stilfiguren und Figürlichkeitsformen (Metaphern, Metonymien, Synekdochen) miteinander in Verbindung treten und so ein zusätzlichesnarratives Potential eröffnen (Martens und Biebuyck "Channelling Figurativity" und Biebuyck und Martens "LiteraryMetaphor").KreativeFigürlichkeit isteinesehrausgesprocheneFormvon Indirektheit. Andere rhetorische und narrative Eingriffe können sowohl den Eindruck von Direktheit alsauch von Indirektheit erwecken. Wie sich Kleist zur Rhetorik verhält, ist bekanntlich umstritten und wurde bisher vor allem am Beispiel des Aufsatzes "Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden" verhandelt.DieserTextwirdgemeinhinalsKleistsAbsageandieSchulrhetorik undalsein Plädoyer für spontanes,dasUnbewusste ausdrückendes, Reden gedeutet(siehe u. A. Holz, Kowalik, Theisen, Groddeck, Riedl). Wenn wir nicht Kleists eigene Überlegungen zur Rhetorik,sondern die Rhetorik seiner Erzähltexte in den Mittelpunkt rücken, ergibt sich ein komplexeres Bild. Sicherlich liegen schon Untersuchungen vor, die sich eingehend und oft von poststrukturalistischer Warte aus dem Zusammenspiel von Figürlichkeit und Erzählen bei Kleist gewidmet haben. Referiert werden können hier, spezifisch in Bezug auf Kleists "Erdbeben in Chili," die einflussreichen Lektüren von Werner Hamacher und Andreas Gailus. Besonders erwähnenswertsindGerhardNeumannsÜberlegungenzurFigürlichkeit beiKleist, diesichallerdingsausschließlichaufPenthesileabeziehen.DerSchwerpunktliegt in diesen Fällen fast immer auf der Art und Weise, wie die Figürlichkeit dasZustandekommen einer schlüssigen Erzählung verhindert und so den Verstehensakt mitthematisiert beziehungsweise ad absurdum führt. …

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