Academic journal article German Quarterly

Offene Welt-Beschränktes Glück: Jean Pauls "Leben Des Vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz" Als Literarisches Zeugnis Einer ÜBergangsepoche

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Offene Welt-Beschränktes Glück: Jean Pauls "Leben Des Vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz" Als Literarisches Zeugnis Einer ÜBergangsepoche

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Jean Paul schrieb die Erzählung das "Leben des vergnügten Schulmeisterlein MariaWutzinAuenthal.EineArt Idylle"von MitteFebruarbisAnfangMärz1791 und überarbeitete sie im Oktober desselben Jahres, bevor sie 1793 als Anhang zur "Unsichtbaren Loge" veröffentlicht wurde.1 Kurz nach der Französischen Revolution und nahe der Jahrhundertwende verfasst, fällt die Entstehung des "Schulmeisterlein Wutz" folglich in eine Zeit, in der althergebrachte Welterklärungsmodelle ihre universale Geltung verlieren. Indem das Christentum seine Monopolstellung als Sinnstiftungsinstanz einbüßt, wird die Geschlossenheit des normativen christlichen Weltbildes aufgebrochen. An seine Stelle tritt ein offenes Weltverständnis, in dem sich das Individuum als Sinnstifter auf sich selbst zurückverwiesen findet und verschiedene Sinnstiftungsangebote miteinander konkurrieren. Das in dieser Zeit sich entwickelnde moderne Individuum sieht sich so mit dem Übergang von einem normativen zu einem offenen Weltverständnis nicht nur einer uneindeutig und erklärungsbedürftig gewordenen Wirklichkeit gegenüber, es muss auch von den alten Autoritäten Kirche und Feudalgesellschaft die Aufgabe der Konstruktion dereigenen Identität übernehmen. EinezentraleRolle übernehmendabei Literatur und Philosophie.2 Auch in der Forschung zu Jean Pauls Erzählung vom "Schulmeisterlein Wutz" wird die Spannung von geschlossenem und offenem Weltbild oft hervorgehoben. Der Kontrast zwischen Erzähler- und Figurenebene -zwischen einem stets fröhlichen Wutz und einem am Ende der Erzählung eher desillusioniert zurückbleibenden Erzähler ebenso wie zwischen Wutz' zufriedenem Daseinim Diesseits und dem bedrückenden Wissen des Erzählersum dieVergänglichkeit des Lebens-ist wiederholt als "das zentrale Element einer Struktur- und Sinnbildung" in der Erzählung identifiziert worden.3

Kommentatoren haben die Ursachen für die Unterschiede zwischen den Weltanschauungen Wutz' und des Erzählers vor allem in den unterschiedlichen GradenihresSelbst-Bewusstseinsundihrem sich daraus ableitendenVerhältniszur Außenwelt ausgemacht: Wutz, gefangen in Narzissmus und subjektivistischem Solipsismus, setzt die eigene Identität als absolut und nimmt die Objekte der Außenwelt nicht als selbstständig existierende Entitäten, sondern als Erweiterungen des eigenen Bewusstseins wahr. Wie Kathleen Blake es formuliert: "Wutz is capable of imagining others' feelings only so long as they coincide with his own; for example, he enjoyshis mother's joy. But, being happy, he cannot imagine otherpeople's pain; it does not exist for him" (Blake 59-60). Der Erzähler bemerkt in Hinblick auf Justine: "Wutz war nur froh, daß er selber verliebt war, und dachte an weiternichts ..." (24). Wutzist wenigerin Justineverliebtalsin seinGefühl, verliebt zu sein.4 Als Folge seines Narzissmus ist Wutz sich auch nicht seiner eigenen Sterblichkeit bewusst und kann so die Freuden des Lebens ungetrübt genießen-ganz im Gegenteil zum Erzähler, der immer schon "die schwarze Gottesacker-Erde unter den Rasen- und Blumenstücken" hinter aller "ErdenEitelkeit" ahnt (39).5

Das Symptom, durch das die unterschiedlichen Wahrnehmungsparadigmen ihren deutlichsten Ausdruck finden, ist die literarische Produktion des Erzählers und des Schulmeisters.6 Die Unterschiede ihres literarischen Schaffensprozesses resultieren aus ihren unterschiedlichen Identitätskonzeptionen. Das Schreiben des Erzählers, der-den Genrekonventionen der Lebensbeschreibung gemäß7-über das Leben eines anderen Individuums schreibt und sich dabei größtenteils auf Quellen beruft, folgt ganz anderen Gesetzen als Wutz' Schreiben, das allein in dessen Phantasie ihre Quelle hat. In der Forschung ist der Erzählerbericht bisher vornehmlich als ein Versuch gesehen worden, Wutz' "Kunst, stets fröhlich zu sein" (22) nicht nur abzubilden und zu verstehen, sondern sie auch selbst zu erlernen- trotz des Wissens um seine Sterblichkeit. Am Ende, so das ernüchternde Resultat Blakes und Richard Hannahs, scheitert der Erzähler jedoch mit diesem Versuch. …

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