Academic journal article Studia Musicologica

Tonar Und Differentia: Geschichte, Funktion, Deutungen 1

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Tonar Und Differentia: Geschichte, Funktion, Deutungen 1

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Was ist ein Tonar?2

Zur Zeit seiner Entstehung im Mittelalter stellte der Tonar ein Handbuch der Musik dar, eine nach Modi und Psalmendungen geordnete Zusammenstellung von Antiphonen und gelegentlich auch anderer Gesänge des Offiziums und der Messe. Charakter und Gebrauch des Tonar-Gesangbuches wurde von Anfang an durch die Loslösung von der seitens der Liturgie festgelegten Reihenfolge der Gesänge sowie die Anwendung eines musikalischen Ordnungsprinzips geprägt. Letzteres erweckte den Eindruck einer Entfernung von der täglichen liturgischen Praxis, obwohl - in der Epoche ohne Notenschrift - das System der acht Modi den Sängern die Anwendung der variablen Elemente der Psalmodie und die Auswahl der entsprechenden Kirchentonart weitgehend erleichterte. Neben Graduale und Antiphonar sicherten die Tonare die Einheit des gregorianischen Repertoires in der Karolingerzeit und gehören als solche zu den frühesten und wichtigsten Zeugnissen der liturgischen Einstimmigkeit des westlichen Christentums.3

Unterschiedliche Deutungen

Die ursprüngliche Funktion der frühesten Tonare konnte auch durch die neuesten Forschungen nicht restlos aufgeklärt werden. Entstehung und Zweck der Gattung werden von zwei entgegengesetzten Standpunkten erklärt: Der eine beruft sich auf die Praxis, der andere auf die Theorie. Die beiden Faktoren Theorie und Praxis bestimmten im ganzen Mittelalter die Zusammensetzung und das Erscheinungsbild des Tonars. Um die Wende des 8. zum 9. Jahrhundert, als das System der acht Modi (Octoéchos) auf den fränkisch-römischen (gregorianischen) Choral übertragen wurde, dürfte der Tonar tatsächlich nicht nur als eine praktische Anleitung, sondern als eine regulierende theoretische Grundlegung gedient haben.4 Tonarähnliche Sammlungen, die ohne formale Merkmale einer Darstellung des Modus-Systems (Tonbezeichnungen, Psalm-Formeln, Notation) lediglich als verkürzte Auflistung typischer Melodien konzipiert sind, verstärken den Eindruck, dass die analytisch-thematische Anordnung der Antiphonen im Tonar für die musikalische Klassifikation des Gesangrepertoires bzw. für die Unterscheidung melodischer Verwandtschaften entscheidend war. All dies scheint den Gegebenheiten der mündlichen Tradierung zu entsprechen.5 Die Annahme, dass die nach Modi zusammengestellten Gruppen bei antiphonalen Gesängen (Psal3.

menantiphonen, Introiten, Communionen) die richtige praktische Anwendung der Psalm-Formeln geregelt und vermittelt hätten, kann fast nur für die Zweckbestimmung einiger Volltonare und für jene liturgische Gesangbücher, die mit Abkürzungen von geeigneten Psalmkadenzen versehen wurden, eine Erklärung liefern.6 Mit den Beispielen, die aus responsorialen, ja sogar melismatischen Gattungen ohne Psalmrezitation (Responsorium, Graduale, Alleluja, Offertorium), gelegentlich aus Hymnen, Sequenzen und Tropen zusammengestellt wurden,7 konnte der Kompilator zweifelsohne das theoretische System der acht Modi im Allgemeinen veranschaulichen.

Exkurs: Verschiedene Erklärungen und Klassifikationsversuche - Merkley versus Huglo

In seiner grundlegenden Monographie, in der zahlreiche Tonarquellen identifiziert und die wesentlichen Merkmale der Gattung beschrieben wurden, stellte Michel Huglo die These auf, wonach die Tonare praktische Handbücher der antiphonalen Psalmodie waren. Tonare mit Gesängen ohne Psalmodie wurden daher grundsätzlich in eine andere Kategorie eingereiht. Das war offensichtlich bei dem Tonar von Saint-Riquier, dem ältesten Vertreter der Gattung, der sicher vor 800 zu datieren ist, der Fall. Huglo sah diese Quelle als didaktisch an und wies sie lediglich dem Kompetenzbereich der Theoretiker zu.8 Die Untersuchung des frühesten Exemplars des sog. karolingischen Tonars9 bewegte ihn dagegen dazu, vom gesamten erhaltenen Tonar den praktisch ausgerichteten ältesten Teil herauszulösen, der nur Gesänge mit antiphonaler Psalmodie enthielt.10 Laut Huglos Theorie wä6. ren die Responsorien des Offiziums erst nachträglich, im Laufe des Abschreibens des Metzer Exemplars, dem "praktischen" Tonar hinzugefügt worden. …

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