Academic journal article Studia Musicologica

Nationale Musik - Musik Im Dienst Am Volk. Zu Einer Variante Sozialistisch-Realistischer Musik der Frühen DDR: Der Fall Kurt Schwaen

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Nationale Musik - Musik Im Dienst Am Volk. Zu Einer Variante Sozialistisch-Realistischer Musik der Frühen DDR: Der Fall Kurt Schwaen

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Noch ein böses Erbe: Seit 1945 gebrauchen Deutsche - in Ost wie in West - das Wort Nationalismus1 nicht mehr positiv. Es schleppt die Bürde der Nazizeit mit sich. Was das englische ,nationalism' noch enthält, schließt es, jedenfalls in der politisch salonfähigen Rede, aus: den inklusiven Nationalismus, die Vaterlandsliebe, sogar das neutrale Nationalbewusstsein. Seit der Nazizeit war an der deutschen Nation nichts mehr neutral, kein Deutscher mochte noch deutsch sein, Patriotismus perdu, und selbst der aus der Wortbedeutung ausgeschiedene Anteil Nationalbewusstsein1 spielte in der Selbstdarstellung deutscher Musiker und Musikforscher der Nachkriegszeit eine geringe Rolle. Man versuchte, sich rein zu waschen oder die Scham zu verkraften. Das galt für den Westen Deutschlands, im Osten galt es weniger: Die dort an der Macht waren, schoben die Schuld am Desaster des Nationalsozialismus auf wild gewordene Imperialisten. Ein musterhafter Antifaschist und Vorzeigekommunist wie der Komponist Kurt Schwaen hatte weitere Gründe, sich gegenüber der eigenen Nation, dem deutschen Volk, dem Vaterland, reserviert zu zeigen.

1. Wer 1949 für den neuen Staat DDR entflammt war, hatte - wie er - eine kommunistische oder sozialistische Gesinnung, und das schloss ursprünglich die Anrufung einer internationalen Solidarität der Arbeiter ein. Die antitrotzkistische politische Leitlinie des , Sozialismus in einem Land' - oder nun des Sozialismus immerhin in den Ostblockländern - sowie Stalins Auflösung der III. Kommunistischen Internationale wenige Jahre zuvor hemmte solche Ideale. In seinem Büchlein Tonweisen sind Denkweisen hatte Schwaen mit einem weitab in der Geschichte liegenden Vorbild freilich etwas versteckt noch die Internationalität von Musikern gerühmt, und zwar der alten so genannten Niederländer.1 Aber das war 1949, unmittelbar vor der DDR-Gründung.2

2. Die zweite Reserve resultiert aus einer Inkongruenz: Die DDR verstand sich - bis in die frühen 1970er Jahre hinein - nur als "ein Drittel Deutschland",3 dessen Raum über eine gewissermaßen kleinstdeutsche Lösung mit dem der heute immer noch so genannten Kulturnation Deutschland nur noch teilweise zusammenfiel. Eine Trennung von Nation und Volk deutete sich mit dem Aufruf zur Schaffung einer sozialistischen deutschen Nationalkultur durch "den Kumpel" mit dem für Autoren der DDR maßgeblichen Bitterfelder Weg an.4 Aber das war zehn Jahre nach der DDR-Gründung.

Erst ein Vierteljahrhundert nach der Gründung propagierte die DDR-Führung die Entwicklung eines eigenständigen sozialistischen Nationalstaates, kodifiziert 1974 in einer Verfassungsänderung.5 Man entschied, es hätten sich zwei deutsche Nationen herausgebildet, womit der Begriff der ,Nation' enger an die Gesellschaftsordnung als an Kultur und deren Geschichte gekoppelt wurde. Die DDR habe sich zu einer sozialistischen Nation entwickelt, mit Westdeutschland habe sie keine gesellschaftlichen und politischen Eigenschaften mehr gemeinsam. Tatsächlich gewann man mit dem Blick von Westberlin aus, wo ich ab Mitte der 1970er Jahre bis zur Wende lebte, den Eindruck, als seien nicht nur Komponisten wie Friedrich Goldmann oder Siegfried Matthus ,echte' DDR-Komponisten, sondern als erobere die DDR nach und nach die Geschichte ihres geographischen Raums als DDR-Geschichte: das kulturelle Erbe eines sozialistischen Staates. So schienen Schütz, Telemann und Bach - und schließlich sogar Händel - zu DDR-Komponisten geworden zu sein. (Für Romantiker wie Wagner oder Schumann galt das bezeichnenderweise weniger.)

Doch bei in der Frühzeit der DDR unternommenen Versuchen, eine deutsche sozialistische Musik zu schreiben, blieb der Begriff ,Nation' noch an die Kulturnation Deutschland und synekdochisch an die DDR-Gesellschaftsordnung gebunden. Wer den neuen Staat mit aufbauen wollte, für den kam als Ästhetik in den ersten Jahren nur der sozialistische Realismus in Frage, der schon bei der Gründung der DDR als Leitlinie der aktuellen Kunstproduktion galt. …

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