Academic journal article German Quarterly

Gewalt im Geistlichen Spiel: Das Donaueschinger und das Frankfurter Passionsspiel1

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Gewalt im Geistlichen Spiel: Das Donaueschinger und das Frankfurter Passionsspiel1

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Es ist eine böse Welt. Das Feuer des Hasses und der Gewalt lodert hoch empor, das Unrecht ist mächtig, derTeufel bedeckt mit seinen schwarzen Fittichen eine düstere Erde. Und in Bälde wartet der Menschheit das Ende aller Dinge. Aber die Menschen bekehren sich nicht; die Kirche kämpft, Prediger und Dichter klagen und mahnen vergebens.2

Mit diesen Worten beschwört Johan Huizinga in seiner einflussreichen kulturgeschichtlichen Studie Herbst des Mittelalters die so schauerliche wie schöne, scheinbar den Vorstellungswelten der schwarzen Romantik entlehnte Atmosphäre der spätmittelalterlichen Gesellschaf t, wie er sie sah: weit entfernt von der lichtbringenden Renaissance, rückwärtsgewandt, in Endzeitstimmung und in den Fängen einer entfesselten Gewalttätigkeit verstrickt. Gewalt gilt Huizinga als das Signum der Epoche, eine Gewalt in verschiedenen Lebensbereichen, doch nirgends so greifbar wie in der Sphäre der Strafgerichtsbarkeit mit ihren berüchtigten Praktiken der Folter, Hinrichtung und Hexenverbrennung. Denn "was uns an der Grausamkeit der Rechtspflege im späteren Mittelalter auffällt," so Huizinga, "ist nicht krankhafte Perversität, sondern das tierische, abgestumpfte Ergötzen, das Jahrmarktsvergnugen, das das Volk daran hat. "3 Die spätmittelalterliche Gewalt steht nach Huizinga also gerade nicht im Zeichen einer Dekadenz und Über-Raffinierung des Geschmacks, wie sie als typisch für Epochenwenden gilt, sondern ist durch den Rückfall in rohe Triebhaftigkeit gekennzeichnet. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Huizinga als einer der maßgeblichen Theoretiker eines primitiven, emotional "kindlichen" Mittelalters gilt.4

Das Bild, das Huizinga von spätmittelalterlicher Gewalttätigkeit zeichnet, prägt die Literatur- und Kulturwissenschaft bis heute. Dies gilt uber die Grenzen der Germanistik hinweg auch in der Anglistik und Romanistik insbesondere für die Gattung des Geistlichen Spiels. Unter der Bezeichnung "Geistliches Spiel" werden Dramatisierungen von biblischen Ereignissen zusammengefasst, die sich seit dem 10. Jahrhundert zum Teil aus der christlichen Liturgie heraus entwickelten,5 nachdem das Verdikt der Kirchenvüter gegen die antiken Tragüdien und Komüdien Formen des Theaters im Frühmittelalter zunüchst verdrüngt hatte.6 Eine große Gruppe, die sich nach Weihnachts-, Passions- und Osterspielen weiter ausdifferenziert, behandelt die zentralen Stationen im Leben Christi, wie Geburt, Passion und Auferstehung. Im 15. und 16. Jahrhundert werden aus den Spielen nicht nur überall im deutschen Sprachraum, sondern auch in Frankreich, England und Italien städtische Großveranstaltungen, die um die kirchlichen Feste zentriert sind und teils Tage und Wochen andauern, Die Zahl der Aufführungsbelege von Geistlichen Spielen übertrifft dabei die Zahl der überlieferten Texte um ein Vielfaches: "Die Verlustrate muß gerade bei dieser Gattung als außergewöhnlich hoch angesehen werden."7

Die Darstellung von Gewalt ist besonders im Passionsspiel drastisch und geht nur bedingt auf die Vorgaben des Neuen Testaments zurück. Denn das Heilsgeschehen ist zwar auch in der Bibel durch grausame Akte geprägt, die Handlungen werden jedoch knapp und in berichtender Form erzählt. So heißt es zum Beispiel im Matthäus-Evangelium bei der Verhandlung vor Pilatus: " [Er] gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen" (Mt. 27, 26). Mehr wird nicht gesagt. Aus den Spieltexten des Spätmittelalters, insbesondere, wenn sie detaillierte Bühnenanweisungen für die Darsteller enthalten, geht hingegen hervor, dass die Geißelungsszene einen der Höhepunkte der Handlung bildete, deren Grausamkeit mit sprachlichen und theatralen Mitteln betont wurde.

In der neueren Forschung zum Geistlichen Spiel stehen Aspekte der Gewalt nicht im Zentrum. Die Diskussion konzentriert sich in der deutschen Mediävistik seit einigen Jahren auf den Status des Geistlichen Spiels zwischen Kult und Theater und den damit verknüpf ten Fragen der Repräsentation und Performanz. …

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