Academic journal article German Quarterly

Verführung durch Mitleid: G. E. Lessings Emilia Galotti als Selbstaufhebung der Tragödie

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Verführung durch Mitleid: G. E. Lessings Emilia Galotti als Selbstaufhebung der Tragödie

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"[Dass] fremdes Laster uns, wider unsern Willen, zu Mitschuldigen machenkann!" (DKV 7-.Emilia Gahtti 11/6). Emilia Galottis Feststellung drängt in den Begriff der Mitschuld zusammen, was dem achtzehnten Jahrhundert bis dahin als Gegensatz hatte gelten mtissen, nämlich einerseits Laster und andererseits eine Affizierbarkeit durch andere, ein Mitfühlen mit anderen, das unter der Bezeichnung Mitleid eine Tugend darstellen sollte. Dies bedeutet nicht weniger, als dass Mitleid nicht mehr die ethische Funktion erfüllen kann, die Leasings Dramaturgie ihm zugedacht hatte. Wenn in Emilia Calotti die Heldin - trotz ihres eisernen Willensentschlusses - sich nicht gegen Verf uhrung gewappnet glaubt und als Ausweg nur den Tod sieht, so ist dies das auf die Spitze getriebene Dilemma des Mitleids selbst.

In den folgenden Ausfuhrungen soil mit Rekurs auf Lessings ästhetische Schriften die widerspruchliche Dynamik innerhalb des Theoriekonstrukts des Mitleids im speziellen und der Einbildungskraft im allgemeinen freigelegt werden, wobei Mitleid als ein dramenspezifischer Sonderfail der letzteren aufgefasst wird. Anschließend wird dargestellt, wie sich in Emilia Gahtti das Versagen der theoretischen Konstruktion gleichsam allegorisch ausspielt, denn gerade dieses Stück wird auf inhaltlicher wie ästhetischer Ebene von Diskursen über Einbildungskraft geprägt. Dabei erhält dieses Drama erst dadurch seine ihm eigene Form, dass in ihm die Implikationen der Theoriekonstrukte konsequent zuende gedacht werden.

Als hybridisierender Vorgang der Produktion mentaler Vorstellungen reagiert die Einbildungskraft ständig auf Begehren und wirkt auf dieses zuruck. Dabei besteht das ästhetische Projekt Lessings darin, eine begehrensfreie "Keuschheit" der Einbildungskraft zu gewährleisten. Wenden wir uns kurz den Bedingungen zu, unter denen dies möglich sein soil.

Dort in der Entfernung werde ich das schönste, holdseligste Frauenzimmer gewahr, das mir mit der Hand auf eine geheimnßvolle Art zu winken scheint. Ich gerathe in Affekt, Verlangen, liebe, Bewunderung, wie Sie ihn nennen wollen. [...] Nun gehe ich darauf los. Himmel! Es ist nichts als ein Gemälde, eineBildsäule! [...] [Ich] werde vielmehr verdrießlich; und warum werde ich verdrießlich? Die Lust über den vollkommnen Gegenstand fällt weg, und die angenehme Empfindung des Affekts bleibt allein übrig.

In diesem Beispiei einer Irrefuhrung durch Illusion aus einem Brief Lessings aus dem Briefwechsel uber das Trauerspiel (102) bleibt immerhin eine "angenehme Empfindung des Affekts" ubrig, und diese ist, was die Kunst beim Betrachter erreichen soil. Diese "angenehme Empfindung" wird jedoch dadurch bis zur Unkenntlichkeit relativiert, dass die "Lust uber den [...] Gegenstand" wegfällt. Diese Lust allerdings ist es, die einerseits durch die illudierende Darstellung erzeugt wird, andererseits aber die Illusion miterzeugt, denn das scheinbare Winken der Hand, mit dem das "Frauenzimmer" zum erotischen Abenteuer einzuladen scheint, ist als Bewegung nicht ausschließlich auf die malerische Darstellung zuruckzufuhren, sondern auch auf die Tätigkeit der Einbildungskraft, die durch den abgebildeten "[fruchtbaren] Augenblick" (DKV 5.2: Laokoon 32) angeregt wird. Schauen wir der Einbildungskraft einen Moment lang dabei zu, wie sie sich aufgrund jenes fruchtbaren Augenblicks uber das materiell Repräsentierte hinausbewegt: "Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft freies Spiel läßt. Je mehr wir sehen, desto mehr mussen wir hinzu denken können. Je mehr wir darzu denken, desto mehr mussen wir zu sehen glauben" (DKV 5.2: Laokoon 32). Das "freie Spiel" der Einbildungskraft ist eine Inflation signifikanter Momente, bei der das imaginäre Bild den Eindruck des räumlich vorhandenen Kunstwerks in bedeutsamer Weise verändert, um dann von diesem wiederum neu stimuliert zu werden. Dies ist ein narrativer Vorgang, der das materiell Dargestellte um ein Vorher und Nachher ergänzt (Wellbery 197), dadurch in Bewegung setzt und die Illusion, also den Schein von Realität, verstärkt. …

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