Academic journal article German Quarterly

Ungeweinte Tränen. Trauma, Trauer Und Verlust der Inneren Heimat Bei Gino Chiellino

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Ungeweinte Tränen. Trauma, Trauer Und Verlust der Inneren Heimat Bei Gino Chiellino

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Es schmerzt nicht mehr: dann bist du angekommen.

(Oskar Loerke)

I

In der zeitgenössischen literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit der literatur der Migration rücken die forscher hauptsächlich die Begegnung verschiedener kulturen und die daraus entstehenden interkulturellen austauschprozesse in den zentralen Blickpunkt ihrer kritik. Durch said, Bhabha, spivak, Deleuze und andere literatur- und kulturtheoretiker erhielt das kulturbegegnungsparadigma wesentliche Differenzierungen und Nuancierungen und so werden zur zeit mit Vorliebe die sowohl-als-auch und Weder-noch Positionalitäten sowie die performativen, imaginativen selbsterfindungen und identitätsbezogenen konstruktionen der schreibenden Grenzwanderer zwischen - und besonders innerhalb von - Nationen, sprachen, ethnien und kulturen in den kritischen Blick genommen. Demgegenüber hat die Vergangenheit der Migranten, ihre zeit vor der auswanderung und ihre zeit vor der Begegnung mit der neuen kultur des einwanderungslandes bis heute in der literaturwissenschaftlichen kritik kaum Beachtung gefunden, vermutlich aus dem Grund, weil sie nicht in dem einwanderungsland stattgefunden hat oder vermutlich weil die fremdkulturellen autor(inn)en und sogenannten Bindestrich-Deutschen in ihren Werken darüber amnesie betreiben.

Aleida assmanns Bild vom "langen schatten der Vergangenheit" (vgl. assmann) macht die erkenntnis transparent, dass mit dem Verlassen des Herkunftslandes die Vergangenheit noch lange nicht abgeschlossen ist und dass sie weiterhin ihre schatten unbewältigter ereignisse auf Gegenwart und zukunftwirft. auch Gino Chiellino bedient sich des schatten-Motivs, das er auf den inneren seelenraum ausweitet, womit er andeutet, dass in der Vergangenheit ereignisse stattgefunden haben, die psychische Verwundungen der geistigseelischen Würde verursacht haben; diese werden auch noch in der Gegenwart als schmerzgefühle weitergetragen und wiedererlebt und führen nach wie vor in der seele ein innerpsychisches schattendasein, zum Beispiel in dem Gedicht "Verschwinde!" (lU): "keinen schatten auf meiner seele / nehme ich mit - nur den Wunsch / anders zurückzukehren".1 auch noch in der Gegenwart wird die Psyche von längst vergangenen und immer noch quälenden psychischen Verletzungs- und Unrechtsgefühlen sowie schmerzenden trennungserlebnissen und traumatisch erlebten Verlusterfahrungen in der kindheit heimgesucht und nach wie vor öffnen einstige psychische Verwundungen "einer vergewaltigten kinderseele" (laM 42) traumatische erinnerungswunden. sie können bedrückenden erinnerungsschmerz auslösen, der sich nicht nur psychisch manifestiert, sondern auch noch Jahrzehnte später vom körper erinnert wird und als somatische symptomatik selbst noch in der Gegenwart seine Wirksamkeit entfaltet:

Die Götter aus meiner Kindheit

die Götter aus meiner kindheit kehren zurück

sie belagern mir die atemwege

und saugen aus mir die letzten Magensäfte heraus

es bleibt ein knoten aus schändung und scham zurück [...] (aD 68)

Diese dunklen und verschlossenen Winkel der unerledigten schattenseite der seele sollen in der vorliegenden abhandlung ausgeleuchtet werden. Dabei wird zuguterletzt einer aufforderung Gino Chiellinos Genüge getan, der schon in seinen frühen literaturwissenschaftlichen schriften die forschung anregte, sich nicht ausschließlich auf analysen von kulturbegegnungsmodellen zu beschränken und somit dem eigentlichen "kern dieser literatur" (f 240) auszuweichen, "nämlich der ursprünglichen konfliktsituation, die zur auswanderung geführt hat" (f 240). schon vor vielen Jahren forderte Chiellino die forschung auf, auch den "konflikt mit der eigenen Herkunft, die den autor in die fremde geführt hat" (f 240) dem kritischen forschungsblick zu unterziehen.

Gino Chiellino erschließt frühkindlich erlebte realerfahrungen von erlittenen traumatischen trennungserlebnissen und Verlusterfahrungen sowie damit verbundene frühkindlich erlebte formen emotionaler Gewalt, nicht gewährter emotionaler zuwendung, ausgebliebener trauer und seelischer Verwundung, die durch familie und Herkunftsgesellschaftin form von implantierten kulturellen Normen, tabus, zwängen und Nichtausgesprochenem auf die kindliche seele ausgeübt wurden. …

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