Academic journal article Studia Musicologica

Musikologische Sprachrohre Harald Kaufmann Und Ove Nordwall Im Dialog Mit György Ligeti

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Musikologische Sprachrohre Harald Kaufmann Und Ove Nordwall Im Dialog Mit György Ligeti

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Komponisten brauchen Fürsprecher. Auch wenn es ein Signum der Nachkriegsavantgarde ist, dass Komponisten sich in nie dagewesenem Maß selbst als Kommentatoren ihrer Werke und als Vermittler ihrer kompositorischen Anliegen artikulierten, waren sie zudem angewiesen auf Personen, die als Multiplikatoren wirkten, sei es als Konzertveranstalter oder Rundfunkredakteure, als Journalisten oder Verleger. György Ligeti konnte in den 1960er Jahren auf die publizistische Unterstützung von zwei Männern ganz besonders zählen: Harald Kaufmann (1927-1970) in Graz und Ove Nordwall (1938-1995) in Stockholm. Beide interessierten sich bemerkenswert früh und intensiv für den Komponisten Ligeti und stellten sich - mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Akzentuierungen - in den Dienst seiner Musik.1

Im Folgenden soll die Zeit zwischen Ligetis Ankunft im Westen Ende 1956 und seiner Etablierung, als deren äußere Zeichen die Monographie Ove Nordwalls (1971) und der Antritt der Hamburger Professur im Frühjahr 19732 gelten können, näher betrachtet werden. Diese Jahre sind entscheidend für Ligetis Positionierung innerhalb der Nachkriegsavantgarde, für die Rolle, die ihm zugeteilt wurde und die er selbst übernahm, indem er sich als Komponist, Theoretiker und kritischer Kommentator in die Diskussion über die Situation der Neuen Musik einbrachte. Biographische Daten und Fakten sind gut dokumentiert,3 ebenso die Entstehung und Wirkung der Kompositionen, mit denen sich Ligeti in Deutschland vorstellte und international etablierte, von Artikulation (1958), Apparitions (1958/1959) und Atmospheres (1961) bis zu Ramifications (1968/1969), dem Kammerkonzert (1969/1970) und Melodien (1971). Seit der Publikation von Ligetis Gesammelten Schriften durch Monika Lichtenfeld sind auch die vielfältigen Aktivitäten als Musiktheoretiker und Kommentator aufgearbeitet.4

Doch blenden wir kurz zurück: Am 25. Februar 1963 hielt Ligeti auf Einladung von Hans Heinz Stuckenschmidt den Schlussvortrag in der zwölfteiligen Reihe „Musik im technischen Zeitalter". Ein halbes Jahrhundert später erscheint dieser Auftritt aus mehreren Gründen bedeutsam. Zum einen beanspruchte die Vortragsreihe mit zwölf international renommierten Komponisten eine gewisse Repräsentativität und genoss im Anschluss an Walter Höllerers Veranstaltung „Die Sprache im technischen Zeitalter" eine hohe Publizität, wurde sie doch als Livesendung aus der Berliner Kongresshalle im Fernsehen übertragen und von der Presse ausführlich besprochen. Zum anderen ist die Aufzeichnung dieser Veranstaltung wohl das früheste filmische Dokument, das den Komponisten als Referenten zeigt und einen Eindruck vermittelt von dem ebenso lebhaft charmanten wie gedankenscharfen Vortrag des Vierzigjährigen. Im Laufe des Abends sprach Ligeti frei, in eloquentem Deutsch und sehr präzise über technische Aspekte von Klangfarbenkomposition. Eine Kostprobe aus der Einleitung wirft aber auch ein Licht auf das Selbstbild des Komponisten, auf das zurückzukommen ist.

Komponieren, das ist eine sehr intime Betätigung, und wenn man darüber sprechen muss oder sprechen will, empfindet man etwas Scham. Also, Scham empfinde ich auch, aber nicht sehr viel, ein wenig. Vorlegen, also kommunizieren will man nur ein fertiges Werk, aber wie das Werk selbst gemacht wurde, das ist eine Privatsache, das geht keinen anderen Menschen an als den Komponisten. Manchmal ist es so sehr peinlich, wenn die Komponisten über [...] die eigenen großen Theorien sprechen, wie ich jetzt [...] gleich tun werde, und vielleicht nicht immer so interessant, manchmal doch. Nun trotzdem, dass das so eine intime, private Sache ist, kann man so ein Schamgefühl überwinden, denn die Komponisten, und ich auch - ja, ich bin auch eitel wie alle Komponisten oder wie alle Menschen, wie Sie, Sie, Sie, wie Sie alle, und ich spreche gern über mich, wie Sie das auch gerne tun. [.] Das Wesentliche im Komponieren - darüber kann man nicht sprechen, das ist etwas Intuitives, [.] wenn man Freudist ist, sagt man [es geschieht] im Unbewussten, wenn man es nicht ist, dann spricht man einfach nicht darüber. …

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