Academic journal article Studia Musicologica

Nádors Erzählungen Oder das Budapester Dreimäderlhaus. ein Beitrag Zur Budapester Offenbach-Rezeption

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Nádors Erzählungen Oder das Budapester Dreimäderlhaus. ein Beitrag Zur Budapester Offenbach-Rezeption

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Der etwas umständlich gewählte Titel meines Beitrages erfordert eine Erläuterung. In meiner Arbeit werde ich über Mihály Nádors (1882-1944) und Jenő Faragós (1872-1940) Operette Offenbach schreiben, die am 24. November 1920 im Budapester Király Színház (im Weiteren: Königstheater) uraufgeführt wurde. Ich möchte besonders darauf eingehen, wie bestimmte frühere Werke bzw. Theaterproduktionen die Anlage von Faragós Libretto bzw. Nádors Musik beeinflussten.

Offenbach vertritt einen Typus des Operettenrepertoires der Zwischenkriegszeit bzw. der Zeit des Ersten Weltkrieges, der als Komponistenoperette etikettiert werden kann (siehe Tabelle 1). In diesem Typus ist der Protagonist zumeist ein ernster, romantischer Komponist aus dem schönen, guten, alten, aber leider vergangenen 19. Jahrhundert. Franz Schubert, Frédéric Chopin, sogar Ludwig van Beethoven wurden zu Hauptfiguren solcher Operetten gewählt - über Arnold Schönberg, Igor Stravinsky oder Béla Bartók schrieb man, so viel ich weiß, keine Operette. Was Nádors und Faragós Offenbach in diesem Kontext interessant macht, ist der verblüffende Widerspruch zwischen der Person des Protagonisten und der Behandlungsweise des Sujets. Der Titelheld dieser Operette ist der BuffoMusiker des 19. Jahrhunderts par excellence, Schöpfer oder zumindest Klassiker der komischen Gattung des unterhaltenden Musiktheaters. Nádors und Faragós Stück ist dennoch eine tragische Operette oder traurige Operette, „szomorú operett", wie der zeitgenössische ungarische Dichter und Schriftsteller, Dezső Kosztolányi, diesen Typus nannte.2

Vorab sollte ich einige Worte über die Inszenierungsgeschichte und Quellenlage des Stückes sowie über das Fassungsproblem sagen. Nádors und Faragós Werk erwies sich nach seiner Uraufführung als überraschend populär. Im Oktober 1922 wurde die zweihundertste Budapester Aufführung gefeiert.3 Es gab auch eine Wiener Premiere, die laut dem Bericht der Neuen Freien Presse bzw. den deutschsprachigen gedruckten Libretti im Apollotheater am 31. März 1922 stattfand.4 In Wien wurde das Stück in der Bearbeitung von Robert Bodanzky und Bruno Hardt-Warden gespielt, ebenso wie im Neuen Deutschen Theater in Prag.5 So viel ich weiß, wurde die Operette auch in Berlin6 und New York7 in verschiedenen Bearbeitungen aufgeführt. Schöpflins ungarisches Theaterlexikon erwähnt noch eine Münchener Aufführung am 28. August 1923, deren Schauplatz laut ihm das Theater am Gärtnerplatz war.8 Seine Behauptung kann ich weder bestätigen noch widerlegen; sie scheint aber plausibel zu sein. Wir wissen nämlich, dass der Komponist, Mihály Nádor, sein Musikstudium in München absolvierte und eine Zeit lang als Mitglied des Orchesters am dortigen Prinzregententheater tätig war.9

In meiner Arbeit schreibe ich überwiegend von der Budapester Fassung der Operette. Meine Untersuchung basiert auf dem Studium der erhaltenen Quellen des Werkes, die in der Budapester Széchényi Nationalbibliothek (H-Bn), im Ungarischen Theatermuseum und -Institut (H-Bsz) sowie in der Notensammlung des Ungarischen Rundfunks (H-Bmr) aufbewahrt werden (siehe Tabelle 2).

Was die Quellen von Offenbach betrifft, erschien neben den gedruckten Libretti der Budapester bzw. der Wiener Fassung (1-2) auch das Regiebuch des Königstheaters (3) bei Alexander Marton als lithographierte Handschrift. Die wichtigsten musikalischen Quellen sind zwei Exemplare von Martons gedruckter Ausgabe des Klavierauszuges (4); ein handschriftlicher (nur teilweise eigenhändi ger) Klavierauszug, der unter zwei verschiedenen Signaturen verteilt wurde, und die eigenhändige Partitur des Komponisten (5). Letztere wurde laut Stempel des Königstheaters als Dirigierpartitur für die dortigen Aufführungen verwendet - Nádor war nämlich zwischen 1919 und 1924 als Kapellmeister des Königstheaters tätig.10 Der handschriftliche Klavierauszug enthält zwei Musiknummern, ein Duett11 und ein Quartett,12 die in die gedruckte Ausgabe nicht aufgenommen wurden; ihre orchestrierte Fassung bildete ursprünglich einen Teil der dreibändigen Partitur, wurde später jedoch herausgenommen und wird heute von der Partitur getrennt, mit dem handschriftlichen Klavierauszug zusammen aufbewahrt. …

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